Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 8-10 (August 1928)
- Article
- Arbeiterbewegung. Von Dr. Arich Tartakower, Lodz.
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 419 (sequence 3)
- Language
- German
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419 2, Die Arbeiterbewegung im Bericht der Jewish Agency-Kommission. Der Bericht der vereinigten Jewish Agency-Untersuchungskommission (Joint Palestine SurVey Commission), der auf Grundlage von Gutachten von Sachverständigen ausgearbeitet worden ist und um den sich der Hauptteil der Beratungen der letzten A. C.-Tagung drehte, hat naturgemäß auch die jüdische Arbeiterbewegung ihrer Bedeutung im zionistischen Kolonisationswerk in Palästina gemäß, in den Kreis seiner Untersuchungen ziehen müssen. Von den 14 Abschnitten des darstellenden und beurteilenden Teiles des Berichtes ist einer, der Abschnitt über die Arbeiterbewegung ganz, zwei andere (über die landwirtschaftliche Kolonisation und über das Genossenschaftswesen) in ihrer überwiegenden Mehrheit der Arbeiterbewegung gewidmet und in fast allen anderen nimmt sie einen mehr oder weniger bedeutenden Platz ein. Auch in den Schlußfolgerungen und Empfehlungen der Kommission ist der Arbeiterschaft ein ziemlich bedeutender Platz gewidmet. Der erste Eindruck, den man beim Durchlesen der betreffenden Stellen gewinnt, ist der, daß der Bericht trotz allen Strebens zur Objektivität, der Arbeiterschaft gegenüber ziemlich feindselig eingestellt ist. Das zeigt sich schon bei der prinzipiellen Beurteilung der Bedeutung der jüdischen Arbeiterbewegung in Palästina. Der Bericht anerkennt keineswegs den Unterschied zwischen dieser Bewegung und der Arbeiterbewegung der anderen Völker, und er ist daher geneigt, der zionistischen Exekutive wegen ihrer allzu großen Förderung der Arbeiterbewegung einen Vorwurf zu machen. Das Hauptproblem scheint ihm zu sein, wie man die Histadruth zu einem konstruktiven Organ umbilden könnte. Es werden auch folgerichtig alle vermeintlichen negativen Seiten der Zusammensetzung, der Tätigkeit und der Politik der Histadruth (Mißverhältnis zwischen qualifizierten und nicht qualifizierten Arbeitern, mangelnde Anpassung an das Lebensniveau der einheimischen Bevölkerung, Ueberfluß an Beamten, schädliche Rolle der Arbeiterpresse, kostspielige Propaganda im Auslande) ziemlich ausführlich aufgezählt. Auch bei der Schilderung der Arbeitergenossenschaften ist der Bericht mehr geneigt, die negativen Seiten (unerfahrene Administration, allzustarker gegenseitiger Zusammenhang, allzustarke Berücksichtigung von Klassenmomenten) herauszustreichen und ihnen auch unter anderem den Zusammenbruch des Solei Boneh bei aller Anerkennung von dessen Pionierrolle zuzuschreiben. Bezüglich der landwirtschaftlichen Arbeitergenossenschaften wird das Prinzip von Nichtbeschäftigung von Lohnarbeitern einer scharfen Kritik unterzogen und nach manchem Zögern die heute vorherrschende Form der gemeinsamen genossenschaftlichen Bewirtschaftung (das System der Kwuzoth) als nicht zweckmäßig erklärt. Folgerichtig sucht denn die Kommission in ihren Schlußfolgerungen die Rolle der Arbeiterbewegung für die Zukunft möglichst einzuschränken, obwohl sie das Streben zur Verbesserung der Ökonomischen Lage der Arbeiterschaft billigt. Sie verlangt einen weitgehenden Ausbau des Schiedsgerichtswesens, weitere Bildung von Genossenschaften auf gesunder ökonomischer und keiner »doktrinären« Grundlage, weitere Führung der Kolonisationsarbeit auf der Basis der individuellen Bewirtschaftung, Anerkennung des Prinzips der Lohnarbeit sowie der individuellen Verträge zwischen den Siedlern und der Jewish Agency ohne irgend welche Zwischeninstanzen. Wie schon früher erwähnt, hat dieser Bericht bei der Arbeiterschaft eine gewaltige Empörung hervorgerufen. Abgesehen von allen sachlichen Einwendungen gegen die einzelnen Argumente und Behauptungen wird von ihr die Tatsache festgelegt, daß die Sachverständigen, auf Grund deren Untersuchungen der Bericht ausgearbeitet worden ist, es gar nicht versucht haben, mit der Arbeiterschaft in unmittelbare Berührung zu kommen, sondern ihre Informationen aus mehr oder minder unzuverlässigen Quellen geschöpft haben. So wurde denn der Bericht trotz mancher Beschwichtigungsversuche mancher Mitglieder der Kommission von der ganzen Arbeiterschaft als vollständig unannehmbar erklärt. 3. Die landwirtschaftliche Arbeiterkolonisation. Drei Fragen sind es, die im gegenwärtigen Augenblick die Aufmerksamkeit der landwirtschaftlichen Arbeiterschaft auf sich konzentrieren: Die Mißernte, die Neukolonisation und die Aktivierung der landwirtschaftlichen Arbeitersiedlungskooperative »Nir«. Am schwierigsten ist wohl vorläufig die erste. Durch die diesjährige Mißernte in Palästina ist eine Reihe von Siedlungen, besonders im Emek, sehr schwer betroffen worden. Eine schnelle und entschlossene Hilfstätigkeit ist notwendig, soll nicht eine große Zahl von Siedlern in die schwerste Notlage geraten. Von zwei Seiten muß die Hilfe kommen: Die Siedler müssen für dieses Jahr von Steuern (insbesondere vom Oscher und Werko) befreit und es müssen ihnen Darlehen zum Ankauf von Saat und zur Ermöglichung eines Existenzminimums gewährt werden. Eventuell müßte auch für Durchführung von verschiedensten Ameliorations- und Bauarbeiten in den einzelnen Siedlungen Sorge getragen werden, wodurch die Siedler beschäftigt und ihnen eine Nebeneinnahme