Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 8-10 (August 1928)
- Article
- Aufbauarbeit in Palästina in den nächsten zehn Jahren
- Date
- 1928-08-01
- Page
- Seite 343 (sequence 3)
- Language
- German
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343 daß wenn die Juden ebenso wie die Araber von früher Kindheit an ihre ganze Zeit der Befriedigung ihrer primitivsten Lebensbedürfnisse widmen müßten und kulturelle Interessen nicht pflegen könnten, Palästina niemals zu einem geistigen Anziehungspunkt für die Juden der Welt werden würde. Dies ist aber für die Zukunft des Judentums und für das Prestige der zionistischen Bewegung unerläßlich. Palästina kann, zum mindesten in dem hier betrachteten Zeitraum von 10 Jahren, durch Einwanderung nur in sehr geringem Maße die materielle Not der Millionen von Juden in Osteuropa erleichtern. Umsomehr ist es notwendig, daß es als kulturelles jüdisches Zentrum einen hohen Rang behält. Das kann natürlich nicht allein durch Schaffimg von wissenschaftlichen Instituten geschehen, sondern verlangt auch eine gewisse Höhe der Kultur der jüdischen Bevölkerung in Palästina. e) Alle Erwerbszweige und alle Schichten der Judenheit müssen für uns gleich wertvoll sein, sofern sie dazu beitragen, dauernde Existenzquellen für eine ständig wachsende Zahl von Juden zu schaffen. Es wäre falsch, wollte man sagen, daß die Landwirtschaft eine edlere Beschäftigung ist als die Industrie und deshalb in erster Linie gefördert werden muß. Nicht die Frage, welche Erwerbszweige mehr oder weniger Juden dauernd beschäftigen können, muß für uns ausschlaggebend sein. Wenn in der bisherigen Aufbauarbeit die Landwirtschaft die erste Stelle eingenommen hat, so war dies darin begründet, daß Palästina ein agrikoles Land ist und daß insbesondere die Industrie ohne eine starke Landwirtschaft keinen Inlandsmarkt hat und sich ohne Inlandsmarkt nicht entwickeln kann. Der grundlegende Unterschied zwischen Palästina und anderen Einwanderungsländern ist der, daß der hohe Prozentsatz von Händlern und liberalen Berufen unter den Juden in anderen Einwanderungsländern existieren kann, weil sie dort nicht nur auf Juden als Kunden angewiesen sind, sondern ein großes nicht jüdisches Hinterland haben. Das aber fehlt in Palästina fast gänzlich. Die arabischen Fellachen, welche zwei Drittel der ganzen Bevölkerung ausmachen, brauchen infolge ihrer Naturalwirtschaft den Kaufmann überhaupt nur sehr wenig, und soweit sie ihn brauchen, hat die Vorhand der arabische Kaufmann, der einen ebenso guten „jüdischen Kopf" auf sich hat, wie der Jude selbst. Die Eigenart des Aufbauwerkes in Palästina liegt darin, daß die Juden sich hier nicht wie in anderen Eihwanderungsländern vorwiegend dem einen oder dem anderen Berufszweig zuwenden können, sondern daß sie alle Zweige, die zu einer gesunden Volkswirtschaft gehören, im richtigen Verhältnis besetzen müssen. In den anderen Ländern sind die jüdischen Kaufleute, sogar wenn sie 50 Prozent aller jüdischen Erwerbstätigen ausmachen, doch nur wenige Prozent der vom Handel bedienten Gesamtbevölkerung. In Palästina, wo die jüdischen Kaufleute überwiegend nur auf den Handel mit Juden angewiesen sind, muß ein so hoher Prozentsatz von Händlern unter ihnen zu einer Katastrophe führen. 3. Es läßt sich nicht mit mathematischer Genauigkeit bestimmen, welcher Prozentsatz der Juden auf Landwirtschaft, Industrie und die änderen Berufe entfallen soll, um eine gesunde Wirtschaftsstruktur zu ergeben. Wir können nur aus dem Vergleich mit anderen Ländern versuchen, zu einer richtigen Proportion zu kommen. Nach den letzten Zählungen waren in den Niederlanden 23%, in der Schweiz 26%, in den Vereinigten Staaten von Amerika 26%, in Deutschland und Dänemark