Mannheim
Compact Memory

Palästina · 1928-05-01 · Heft 5-7 (Mai 1928) · p. Seite 273

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
11 (1928)
Issue
Heft 5-7 (Mai 1928)
Article
Die Frage der Kwuzoth und der Selbstarbeit
Date
1928-05-01
Page
Seite 273 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2379786-2379867-2379871-2386457--07050-2386797
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

273 Ich will mich gar nicht auf die Berechnung einlassen, ob ein Bauer, zum Beispiel im Moschaw Nahalal, in der Lage ist, einen Lohnarbeiter zu beschäftigen, ob die Wirtschaft diese Ausgaben tragen kann. Ich nehme an (und das wird auch in Nahalal geglaubt), daß die Wirtschaft es nicht verträgt, Aber selbst wenn dies der Fall wäre, bleibt das Problem in einer anderen Form bestehen. Es genügt, auf das Grundprinzip der Arbeiterkolonisten, zu verweisen: Eine Gesellschaft von Arbeitenden auf gerechten Grundlagen ohne Ausbeuter und Ausgebeuteten zu schaffen — um nach unserer Meinung den Vorschlag des Verfassers zunichte zu machen. Aber für mich gibt es außer diesem Faktor noch eine Reihe anderer und die will ich hier sehr kurz behandeln. Ausbeutung drückt sich nicht nur in Geld aus, d, h.: ich zahle dem Arbeiter weniger, als er verdient hat, woraus folgt, daß der eine auf Kosten des anderen lebt, Es gibt eine Ausbeutung, die sich nicht so konkret auswirkt, in bezug auf jene Empfindung, die ein Mensch hat, der ständig beschäftigt ist, und den anderen, der nicht ständig beschäftigt ist. Der eine ist sicher, daß ihn am nächsten Morgen die Wirtschaft beschäftigen wird, der zweite ist nur vorübergehend da und hat diese Sicherheit nicht. Er muß also beim ersten Zwischenfall den Arbeitsplatz verlassen und fortgehen. Nun gibt es aber Menschen, die sich seelisch an den Arbeitsplatz binden, die Wirtschaft und die Menschen wuchsen ihnen ans Herz, die Umgebung steht ihnen nahe und gegen ihren Willen müssen sie nun aus diesem Betrieb und dieser Umgebung, in der sie Wurzel geschlagen haben, herausgerissen werden; der Mensch wird entwurzelt und wie verwaist wandelt er eine Zeitlang einher. In der materialistischen Welt pflegt man auf solche Kleinigkeiten nicht zu achten, aber dies ist ein sehr wichtiger Umstand: in allen Fällen, wo in einer Kwuzah Zeitarbeiter in gewissen Saisonen gearbeitet haben (jetzt gibt es keine solchen in der Kwuzah), hatte ich und viele Chawerim ein sehr schweres Gefühl, als der Zeitpunkt der Entlassung herannahte. Die Menschen wollten so gerne dableiben, Sie waren aber doch gezwungen, fortzugehen und wir blieben. Jeder einzelne, wenn er sich an den Ort gebunden hatte, läßt ein Gefühl der Sehnsucht zurück. Er leidet dadurch, da er gehen muß, und selbst wenn wir ihm den ganzen Verdienst ungeschmälert ausgezahlt hatten, so ist doch das Los der Zurückgebliebenen ein besseres. Der Zurückgebliebene ist eben geblieben, er ist verwurzelt, er ist gesichert, der andere aber ist gegangen. Und nicht das allein. Ich betrachte die Selbstarbeit als eine absolute Bedingung in dem Prozesse unserer nationalen Renaissance im Lande unserer Vater. .Ich glaube an dieses Prinzip, daß es uns beschützen wird, dadurch, daß das Brot, das wir aus der Erde ziehen werden, die Frucht unserer eigenen Arbeit bilden wird und nicht der unseres Nächsten. Und sie wird uns die Basis sicherstellen, auf der sich unsere Renaissance zu erheben hat. Wie sagt doch Achad Haam: »Uebergescheit ist der Jude, der Kulturmensch, er hat keine Lust zur Arbeit.« Achad Haam sieht auch in seinem Traum den Typus des »Boas«, der sich mit allen öffentlichen Dingen befaßt, Bücher liest, während andere für ihn arbeiten. Bei der Entwicklung unseres Volkes in den Golusländern ist dies begreiflich. Wenn wir aber heute unsere Existenz durch Arbeit erneuern wollen, müssen wir diese Lebensauffassung bekämpfen und sie von Grund aus entwurzeln. Wir müssen uns selbst Grenzen errichten, Gesetze schaffen, die uns beschützen und im Laufe der Zeit zu den Prinzipien unseres Lebens werden, zu einer Art Halachah der Arbeit, jener Halachah, die Bialik in seinem berühmten Aufsatz »Halachah und Agadah« schildert. Daß dies für uns nicht nur aus sozial-menschlichen Gründen, sondern auch aus nationalen notwendig ist, beweisen die ersten Kolonisten, die »Bilu«leute. Sie haben schon längst an das große Ideal vergessen, um dessentwillen sie ins Land gekommen waren. Und wir kämpfen heute alle gegen sie an, damit sie wenigstens 50% Juden beschäftigen. Ich glaube nicht, daß wir besser sind als sie. Und wenn trotzdem die Arbeitsbewegung seit der zweiten Alijah bis auf den heutigen Tag zu einem Eckstein unserer Arbeit im Lande geworden ist, so konnte das nur deshalb geschehen, weil sie sich selbst die Wege vorgezeichnet hat und das Ideal der Arbeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.