Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1928)
- Article
- Das Problem der Teuerung in Palästina
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 114 (sequence 14)
- Language
- German
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114 da die Einwanderung großer Menschenmassen aus dem Westen sowohl den Charakter als die Menge der Nachfrage entscheidend beeinflußten. Die neuen Einwanderer paßten sich nämlich den Konsumsitten des Landes nicht an, d. h. sie akzeptierten nicht den durch die Produktionsbedingungen des Landes gegebenen Lebensstandard, sondern behielten zum großen Teil ihre früheren Lebensgewohnheiten bei. *) War nun Palästina schon vor dem Kriege ein Land, das seine Bevölkerung nicht mit seiner eigenen Produktion ernähren konnte, so zwang die neue Nachfrage die in ihren Produktivkräften zurückgebliebene Landeswirtschaft zum Bezüge großer Mengen im Auslande hergestellter Lebensmittel (im Jahre 1925 wurden nach dem Bericht des Landwirtschaftsdepartements der Regierung allein für Pfd. St. 1,986.895 Lebensmittel eingeführt, also mehr als der Totalexport Palästinas im gleichen Jahre betrug). Da die Importartikel einer Reihe von zusätzlichen Belastungen unterliegen (Frachtkosten, Kommissionärgewinne, Zölle) ist eine Preiserhöhung gegenüber dem ursprünglichen Preis im Produktionsland gleichfalls unabwendbar. Hinzu kommt, daß für die relativ kleine Bevölkerung Palästinas ein Bezug nur in kleineren Mengen in Frage kommt; ein Großimport, der durch rationelle Abwicklung (Schiffsladungen) eine Verbilligung zuläßt, ist selten. Ein weiteres preissteigerndes Moment ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, nämlich die Schwäche der Position der kaufenden Bevölkerung und besonders des jüdischen Einwanderers gegenüber dem Veräußerer. Im allgemeinen gilt schon nach Adolf Wagner, daß im -Kleinhandel die Position des Käufers schwächer ist, als die des Verkäufers. Für die Verhältnisse in Palästina nach dem Kriege gilt das doppelt und dreifach. Der jüdische Einwanderer, der in fremdes Land kommt, kennt weder Währung noch sonst die wirtschaftlichen Verhältnisse, es fehlt ihm das Gefühl für die traditionelle Höhe der Preise, für ihre Kontinuität. Bekanntlich gehört die Preistradition zu den Elementen, die bei der Preisbildung eine wesentliche Rolle spielen. Der Neueinwanderer, dem all das fehlt, ist daher auf dem Markte lange Zeit ziemlich hilflos den Verkäufern ausgeliefert. Eine Bestätigung unserer Ausführungen ist, daß die Preise niedriger werden, je mehr man in Gegenden kommt, die abseits des Verkehrs und jüdischer Einwanderungszentren liegen. Aber auch innerhalb der Städte lassen sich, man kann fast sagen stadtviertelweise, verschiedene Preisniveaus feststellen.**) Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß die hohen Preise in Palästina in den ersten Jahren nach dem Kriege durch ein gehäuftes Zusammentreffen von verschiedenartigen Faktoren verursacht worden sind, Eine genaue Zurechnung und Bestimmung des Maßes, mit welchem die einzelnen Faktoren an der Steigerung beteiligt waren, ist nicht möglich. Unzweifelhaft ist aber, daß die Steigerung der Preise fortgedauert hätte, wenn nicht gerade um jene Zeit eine so scharfe Senkung der Weltmarktpreise eingetreten und dadurch auch in Palästina eine Regulierung bewirkt worden wäre. Was nun die künftige Entwicklung anlangt, so muß man sich vor Augen halten, daß das von allen erwartete und auch voraussichtlich ein- *) Die Aenderung der Konsumrichtung greift auch in der arabischen städtischen Bevölkerung um sich; auch ihre Lebensansprüche sind seit dem Kriege stark gestiegen. **) Um die Tatsache des Vorhandenseins verschiedener Preisniveaus in Palästina zu erklären, muß auch der ganze Komplex der verschiedenen Produktionskosten herangezogen werden, der z. B. bei den Milchprodukten eine ausschlaggebende Rolle spielt. Doch übersteigt das den Rahmen dieser allgemeinen Untersuchung.