Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Article
- Die Entwicklung des Arbeitsmarktproblems in Palästina in den letzten Jahren und die Arbeitslohnfrage
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 2)
- Language
- German
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45 1. Wie kam es überhaupt zur Arbeitslosigkeit relativ großer Massen von Arbeitern? Es ist nicht richtig, wenn man annimmt, die Arbeitslosigkeit sei eine neue Erscheinung für Erez Israel. Bereits viele Jahre vor dem Kriege bestand diese Frage, wenn auch naturgemäß in viel kleinerem Maßstabe; allein die Tatsache, daß ständig eine größere Zahl Neueinwanderer sich auf Arbeitssuche befand, ein anderer Teil von Arbeitern überhaupt keine Dauerarbeit fand und ständig vor dem Problem der Auswanderung stand, daß von jeher einer größeren Einwanderungswelle eine gewisse Auswanderung folgte, bestand bereits damals. Auch nach dem Kriege erlebten wir nach der großen Chaluzeinwanderung der Jahre 1920—1921 einen ersten ernsthaften Rückschlag im. Jahre 1923. Damals lagen die Ursachen der Arbeitslosigkeit in einem Nachlassen der Bautätigkeit (im Jahre 1922 waren eine größere Anzahl von Stadtvierteln in Tel Awiw [Nordia, Tel Nordau], in Haifa [Bath Galim, Hadar Hacarmel] und Jerusalem [Beth Hakerem, Talpioth] gebaut worden) sowie in der wiederum getäuschten Hoffnung der jüdischen Arbeiter, nach den Maiüberfällen des Jahres 1921, nach denen eine Zeitlang Hunderte von jüdischen Arbeitern in den Kolonien beschäftigt waren, in diesen Pflanzimgskolonien festen Fuß zu fassen. Diese Krise setzte gegen 2000 jüdische Arbeiter auf die Straße, während gegen 7000 Arbeitereinwanderer dieser Epoche (1920—1923) in den neuen landwirtschaftlichen Arbeitersiedlungen, in Industrie, Handwerk und der in wenn auch verringertem Umfange sich weiter schleppenden Bautätigkeit festen Fuß fassen konnten. Auch damals mußte bereits Arbeitslosenunterstützung mit allen ihren demoralisierenden Wirkungen gezahlt werden und Hunderte bester chaluzischer Kräfte wanderten aus. Wir sehen hier zum ersten Male nach dem Kriege die sich 1926—1927 in so viel größerem Maßstabe wiederholende Erscheinung der krisenhaften Ausstoßimg aller derjenigen Elemente, die nicht in Landwirtschaft, Industrie, Handwerk und Transport sich verwurzeln konnten, aus der in besonderem Maße Schwankungen unterworfenen Bautätigkeit, ein Prozeß, der sich notwendig wiederholen mußte und muß, solange nicht die Aufbautätigkeit in immer gesteigerten oder zumindest gleichmäßigem Tempo sich vollzieht. Man hätte, bei einigermaßen Weitsicht, aus der Krise von 1923 lernen können, daß ohne eine während des Bauprozesses vor sich gehende systematische Ueberführung der Bauarbeiter zur Ansiedlung oder zumindest Halbansiedlung am Rande der Stadt (eine Forderung, die von Seiten der Arbeiterschaft seit 1924 unaufhörlich gestellt wurde) nach einer erneuten Aufschwungsepoche der Bautätigkeit auch eine erneute, viel ernstere Krisis fast mit Notwendigkeit zu erwarten war. Bereits im Jännerheft 1923 des »Juden« (und ähnliche Artikel erschienen natürlich in der palästinensischen Arbeiterpresse) schrieb ich: »Es entspricht durchaus der unproduktiven sozialen Erziehung des jüdischen Mittelstandes, die Kapitalien zunächst in die nächstliegende Industrie, in die Bauindustrie, hineinzustecken, Zugegeben, daß der Mangel an Wohnungen sehr groß ist, so ist es ökonomisch doch wesentlich bequemer, sich ein Haus bauen zu lassen, als industriell produktiv zu schaffen. Zugegeben, daß Bauindustrien im Anschluß an den Häuserbau geschaffen werden, so tritt eben dadurch gerade das ein, was wir beklagten: die Krise, Denn gerade die Bauindustrie hat nur dann eine Möglichkeit der Existenz, wenn gebaut wird, und in dem Augenblick,