Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Article
- Die jüdischen Siedlungsformen in Palästina
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 9)
- Language
- German
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36 werden mußte (auf unbewässertem Boden), erkundigte er sich, ob dann wenigstens jeder Betrieb eine Silageeinrichtung (Einrichtung, in der das Grünfutter einer Milchsäuregärung ausgesetzt und daurch konserviert wird) besäße, um die Kühe während der Trockenheit mit Saftfutter versorgen zu können. Als auch dies negativ beantwortet wurde, erklärte er: »Dann verstände er nicht.« Es ist anzunehmen, daß wie dieser deutsche Landwirt viele urteilen werden, besonders da unbewasserte Wirtschaften auf keinen Fall mit solchen auf bewässerten Böden konkurrieren können und im Fall einer Mißernte das Futter sogar von außen zukaufen müssen. Das Schlimmste aber ist, daß die Kolonisten auch aus anderen Gründen, selbst wenn sie gerne wollten, die Bearbeitung nicht ändern könnten. Man ist nämlich, wie es scheint, bei der Ausarbeitung dieser Betriebsform nicht von der Frage ausgegangen, wieviel Boden braucht eine Familie, um davon leben zu können? sondern davon, wieviel Boden kann eine Familie ohne fremde Hilfe gerade noch bearbeiten, ohne unter der zeitweilig sehr drängenden Arbeit zusammenzubrechen. Denn daß sich die Kolonisten der Moschweh Owdim zur Selbstarbeit verpflichten müssen, dürfte wohl allgemein bekannt sein. (Darüber im nächsten Abschnitt mehr.) Der Kolonist ist also ohne Rast noch Ruh' an die laufende Arbeit gekettet, die ihm keine Zeit für etwa intensivere Methoden oder Kulturen läßt. Jeden zweiten Tag muß er mit dem Gespann arbeiten. (Zwei Kolonisten geben ihre Maultiere zusammen und arbeiten je drei Tage wöchentlich mit den zwei Tieren.) Tut er das nicht, sq gehen ihm 15 Piaster für den Unterhalt des Maultieres verloren. Es hat dem Schreiber öfter im Herzen weh getan, wenn er sehen mußte, wie alte Arbeitskameraden aus den Sümpfen und Chausseen, die dort immer guter Laune und draufgängerische Arbeiter gewesen waren, nach ihrer Ansiedlung kopfhängerisch spät abends vom Felde heimkamen, wo noch mindestens eine Stunde Hofarbeit ihrer harrte, mit der Klage, es ginge nicht vorwärts. Sie arbeiteten bisweilen 14 bis 16 Stunden täglich, ohne auch nur den kleinsten Fortschritt zu sehen. Der Grund ist, daß der größte Teil ihrer Kraft darauf geht, diesen unförmigen Betrieb vorwärts zu schleppen, Ura wenigstens kein Defizit zu haben, führen sie ein Sklavenleben. Nicht Sklaven von Menschen sind sie, denn das ginge noch, sondern Sklaven der Erde, und die kennt kein Erbarmen. Da erhebt sich die Frager Kommen unsere Chaluzim dazu nach Erez Israel, wo sie ein freies Leben führen wollen, um an die Erde versklavt und geistig wie moralisch zugrundegerichtet zu werden? Denn so stellt sich in Wirklichkeit das Problem. Man sagt im allgemeinen, ein Jahr Chaluzleben in Palästina zähle doppelt, man kann aber mit noch viel mehr Recht sagen, ein Jahr Kolonistenleben im Moschaw Owdim zähle dreifach. Die Schuld daran haben nicht nur die mangelnden Erträge und die hohen Produktionskosten, sondern die ganze Betriebsform, die eine Aenderung der einzelnen Faktoren nicht erlaubt. Die einzig mögliche Betriebsform für Kleinkolonisation auf unbewässertem Boden ist die viehlose, freie Wirtschaft, die eine gewisse Elastizität besitzt und sich den jeweiligen Marktverhältnissen gut anpaßt. Milchwirtschaft muß den Kleinsiedlern auf bewässerten Böden überlassen werden. Auch die Betriebsgröße ist unmöglich. Entweder müssen die Betriebe auf mindestens 150 Dunam vergrößert werden, damit das Maultier und die Maschinen besser ausgenützt werden können, oder die Betriebe müssen so verkleinert werden, daß es ohne Maultier geht. (Darüber Näheres im 5. Kapitel.) Im ersteren Falle ist es wohl ganz unbestritten, daß sich eine Ver-