Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Article
- Die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation in Russland
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 26)
- Language
- German
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21 stehenden jüdischen Rayon mit munizipaler Selbstverwaltung und kultureller Autonomie, in dem unter 19.000 Einwohnern etwa 15.000 Juden sind, in den nächsten Jahren noch zwei andere Gebiete dieser Art und Größe gebildet werden, die aber untereinander nicht zusammenhängen, sondern Enklaven in nichtjüdischen Gebieten sind. Die jüdischen Siedler stellen diejenige Schicht der russischen Juden dar, aus der sie zum größten Teile stammen, nämlich den Stand der kleinen Händler und Handwerker aus den Städten und Städtchen in dem westlichen Gebiete der Ukraine,. Ihre Bildungsstufe ist keine besonders hohe. Sie sind, was ihren Uebergang zur Landwirtschaft anbetrifft, von Erwägungen allgemeiner oder höherer Art durchaus fern. Nicht daß die Landwirtschaft ein gesünderer öder volkswirtschaftlich wichtigerer Beruf ist, bildet für sie das treibende Motiv. Sie wenden sich zu ihr nicht aus innerer Neigung, sondern aus dem Zwang der Verhältnisse, der ihnen keinen anderen Ausweg läßt. Sie hoffen dadurch lediglich ihre materielle Lage zu verbessern. Die relativ niedrige Bildungsstufe und die Piräponderanz der materiellen Interessen geben den Siedlungen ein ziemlich kulturarmes Gepräge und machen sie gegen das Eindringen assimilatorischer Einflüsse von außen weniger widerstandsfähig. Es ist unverkennbar, daß die Juden in den Kolonien in höherem Maße zur Aneignung der russischen an Stelle der jüdischen Sprache neigen, als es in den Städtchen und Städten mit einem großen Prozentsatze von Juden der Fall ist. Es scheint, daß die Entfernung der jüdischen Siedlungen von den städtischen Zentren mit großer jüdischer Bevölkerung auf ihr jüdisches Bewußtsein abschwächend einwirkt. Andererseits bringt der Umstand, daß sie denselben Beruf wie ihre nichtjüdischen Nachbarn in den umliegenden Siedlungen ausüben, sie mit diesen in nähere Berührung/Während in den Städten der Ukraine das Jüdische heute vielleicht mehr verbreitet ist als vor dem Kriege, hatte ich irr den Kolonien den Eindruck, daß das Jüdische gegenüber dem Russischen zurückgeht. Die Siedler finden vom ökonomischen Gesichtspunkte die Aneignung der russischen Sprache und die Assimilation an die russische Kulturvorteilhaft und sind deshalb daran interessiert, daß ihre Kinder russisch lernen. Demgegenüber habe ich bei ihnen weder ein starkes Interesse für die jüdische Religion, noch für die nationale Idee gefunden. Das Fazit aus all dem Gesagten ist, daß es sich bei der jüdischen Ansiedlung in Rußland nicht um eine Rettungsaktion für die Judenheit oder auch nur für die russische Judenheit handelt. Für das eine fehlt der Ansiedlung der geistige Schwung, für das zweite fehlt ihr der erforderliche Umfang. Sie muß als eine philantropische Aktion"zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage von einigen zehntausend jüdischen Familien in Rußland gewertet werden und hat als solche ihre Berechtigung. 3. Vergleich mit der Kolonisation in Palästina. Die Kolonisation in Palästina, mit der die russische Kolonisation häufig verglichen wird, hat ganz andere Ziele. Für sie ist die Ueberführung von Juden zur Landwirtschaft nicht der Zweck, sondern nur ein Mittel zum Zweck, nämlich zur Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina, von der sie eine Einwirkung auf das geistige Leben der gesamten Judenheit erwartet. Ohne diese »Fernwirkung« verliert die Kolonisation in Palästina jeden Sinn. Weil aber diese Fernwirkung