Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 11 (1928)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1928)
- Article
- Die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation in Russland
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 22)
- Language
- German
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23 Fläche für jüdische Kolonisationnicht zu denken. In der ganzen Ukraine blieben der Regierung nach der Agrarreform im Jahre 1920 nur noch 1,700.000 Desjatinen übrig; Ein großer Teil davon ist in der Zwischenzeit bereits verteilt worden. Es besteht eine große lieber Wanderung von christlichen Bauern nach der Südukraine, in die Nähe der jüdischen Siedlungen. Diese Ueberwanderer haben großen Bedarf an Boden. Im Rayon Kriwoi Rog ist so gut wie gar kein Boden zur Verteilung mehr verfügbar und die jüdische Kolonisation in diesem Rayon muß als abgeschlossen gelten. Im Ghersoner Rayon und in den übrigen Teilen der südlichen Ukraine ist nach meinen Informationen im günstigsten Falle noch auf 100.000 bis 150.000 Desjatinen Boden für die jüdische Ansiedlung zu hoffen. In der Krim stehen bestenfalls noch 50.000 bis 100.000 Desjatinen für die Juden zur Verfügung, und auch das nur in dem Falle, wenn die Regierung einen Teil des jetzt von den Regierurigsfarmen benützten Bodens für die Kolonisation freigibt. Der gesamte Boden in der Ukraine und Krim, der für jüdische Kolonisation in Betracht kommt, ist also höchstens auf etwa 150.000 bis 250.000 Desjatinen zu schätzen, d. h. maximal auf ebensoviel, wie die Regierung bis jetzt bereits für die jüdische Siedlung in diesen Gebieten zugeteilt hat. Das würde die Ansiedlung von weiteren 12.000 jüdischen Familien ermöglichen. Insgesamt würden also — zusammen mit der Bevölkerung der alten Kolonien — in der Ukraine und Krim die Zahl der jüdischen Landwirte auf 25.000 gebracht werden können. Die Regierung ist sich anscheinend dieser Begrenzung bewußt und bemüht sich, in anderen Gebieten der Sowjet-Union passenden Boden für die jüdische Kolonisation zu finden. Zwei Projekte dieser Art wurden mir genannt. Das eine bezieht sich aüf ein Gebiet, das sich als ein schmaler etwa 2000 Kilometer langer Streifen am Nordrande des Asoffschen Meeres erstreckt. Dieses Gebiet ist jetzt sumpfig, soll aber trockengelegt werden können. Man nannte mir auch den Betrag, der für diese Ameliorationsarbeiten notwendig ist, nämlich 5 Millionen Rubel. Ich kann mich über dieses Projekt nicht weiter äußern, da mir die technischen Einzelheiten nicht bekannt sind. Ein zweites Projekt bezieht sich auf ein großes Gebiet am Amurflusse in Sibirien, westlich von Chabarowsk. Hier soll ein wald- und mineralreiches Gebiet von 2,500.000 Desjatinen vorhanden sein, von denen 1,500.000 Desjatinen eben sind. Das Gebiet ist etwa 600 Kilometer vom Stillen Ozean entfernt. Die Eisenbahn durchschneidet es in einer Länge von etwa 200 Kilometer. Das Gebiet soll jetzt fast unbewohnt sein und zur Ansiedlung von 100.000 jüdischen Familien genügen. Das Klima soll zwar im Sommer außerordentlich heiß und im Winter sehr kalt sein, trotzdem hat aber eine im Jahre 1927 von der Regierung dorthin entsandte Expedition das Land als zur Ansiedlung von Juden geeignet bezeichnet.. Es ist mir natürlich nicht möglich, mich über die technischen Aussichten auch dieses Projektes zu äußern. Es scheint mir aber vorläufig so viel sicher, daß die Juden die größte Abneigung dagegen haben werden, in ein so weit entferntes Gebiet zu gehen. Es ist auch für den Erfolg der Kolonisation sehr ungünstig, ein so entferntes Gebiet zu wählen. Alle Schwierigkeiten, welchen die Kolonisation in den der Zivilisation bereits erschlossenen Gebieten, wie Krim und Ukraine^ begegnet, werden sich in weit größerem Umfange geltend machen, wenn die Ansiedlung in einem so ganz unerschlossenen und so weit von aller Zivilisation entfernten Gebiete erfolgt.