Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 10 (1927)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Zur Frage der Agrarreform
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 355 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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355 Bedenkliche an der »Erscheinung' liegt aber nicht nur in diesen Preisen allein, sondern, was eng damit verbunden ist, in der durch das Steigen der Bodenpreise, also der toten Kosten der Kolonisation, sich verschiebenden Proportdon von Kosten und Ertrag der Ansiedlung. Für den Siedler, der den /Boden aus eigenen Mitteln kauft, ist diese Tatsache selbstverständlich. Sie muß aber, sofern die jüdische Kolonisation in wirtschaftlicher Hinsicht einen Sinn haben soll, auch für den mit nationalen oder jedenfalls gesellschaftlichen Mitteln gekauften Boden gelten, der an Privatsiedler oder Siedlergruppen im Pachtwege weitergegeben wird. Die hohen Bodenkosten müssen einen entsprechend hohen Pachtzins zur Folge haben, der die Amortisation oder zumindest eine angemessene Verzinsung der Kosten ermöglichen soll. Nun ist ein derartiger Pachtzins am heutigen Palästina, wenn die Siedler nur ein halbwegs menschenwürdiges Lebensniveau einhalten sollen, gar nicht denkbar. Das Land ist durch jahrhundertelange Miß wir tschaft eir schöpft, der Absatz der landwirtschaftlichen Produkte (von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen) keineswegs gesichert, das Menschenmaterial, das fast immer aus nichtlandwirtschaftlichen Kreisen kommt, muß noch lange Jahre mühsam erzogen und instruiert werden. Unter solchen Umständen kann die Rentabilität der Landwirtschaft naturgemäß eine nur sehr mäßige sein. Nach den Berechnungen des Handels- und Industriedepartements der zionistischen Exekutive aus dem Jahre 1925 war der Durchschnittsertrag per Dunam Boden in den jüdischen Siedlungen der folgende: Orangen 9 Pfund, Weintrauben 2,2 Pfund, Weizen 0,6 Pfund, Kartoffeln 8 Pfund, Tomaten 5 Pfund, Gemüse 31 Pfund. Sehen wir also von den besonders hochwertigen, mit großen; Anlagekosten verbundenen -und von der Konjunktur stark abhängigen, sowie von den besonders intensiven Kulturen ab, so ist der Ertrag der übrigen Wirtschaftszweige ein überaus mäßiger. Viel mehr als Betriebs¬ und t Unterhaltskosten wird sich da auf lange Jahre hinaus kaum herauswirtschaften lassen. Die Niederhaltung der Bodenkosten wird •unter solchen Umständen eine der wichtigsten Aufgaben der Kolonisationspolitik. Von welchem Einfluß wäre nun die radikale Durchführung der Agrarreform im (gegenwärtigen Augenblicke auf diese Entwicklung der Dinge? Es ist augenscheinlich, daß die Folgen nur denkbar schlimme sein könnten. Das Angebot an freiem Boden würde sich stark vermindern und vielleicht sogar verschwinden. Die äußerst extensive Form des Anbaues einerseits, andererseits der in einem jeden freien Bauer eigentümliche Drang, seinen Bodenbesitz zu vergrößern, würden als zwei behindernde Momente -sofort zum Vorschein kommen. Dies würde für die jüdische Kolonisation Palästinas, aber auch für die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung des Landes einen starken Schlag bedeuten. Der Uebergang von der extensiven zur intensiven Wirtschaft bedeutet für Palästina wegen der besonderein Eignung des Bodens für hochwertige Kul-