Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 10 (1927)
- Issue
- Heft 6-7
- Article
- Dem Aufstieg entgegen
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 315 (sequence 2)
- Language
- German
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315 Von der Lebensmittelindustrie mag hier über die Schokoladefabrik „Raanan" (heute Lieber) kurz berichtet werden, die sich immer mehr den Inlandsmarkt erobert. Durch 'Qualität und Ausstattung wird sie sich wohl immer weiter durchsetzen. Allerdings ist der Kampf gegen die billige, minderwertige Importschokolade schwierig. Der Industriellenverband hat der Regierung Analysen vorgelegt, nach denen bekannte europäsche Firmen gefälschte und gesundheitsschädliche, Ware in den Orienthandel bringen, und hat Schutz gegen diese Surrogate gefordert, durch Zölle oder andere Maßnahmen. Die Weinindustrie hat für ihre gesamte Produktion einen ständigen Markt. Die einzige jüdische Tabakfabrik Lubliner ist voll beschäftigt und könnte bei entsprechender Kreditmöglichkeit ihre Produktion erhöhen und wesentlich mehr Arbeiter beschäftigen. Auch die chemische Industrie entwickelt sich günstig. Nach Aegypten ging kürzlich ein Waggon Desinfektionsmaterial, während Kunstdünger einstweilen vom Binnenmarkt allein absorbiert wird. Von entscheidender Bedeutung für die Industrie ist die Kreditfrage. In allen Teilen der Industrie könnten große Arbeitermengen neu eingestellt werden, wenn die Kreditfrage günstig gelöst wäre. Ein großer Teil der Summen, die für Arbeitslosenunterstützung und völlig unproduktive Notstandsbauten ausgegeben wurde, hätte hier als Kredit für -die nationale Wirtschaft dauernde Bedeutung gewinnen können. Dies nicht eingesehen zu haben, wird als eine schwere Schuld der verantwortlichen Instanzen angesehen. * Diesem erfreulichen Bild einer industriellen Entwicklung steht zur Seite eine Parallele auf finanzwirtschaftlichem Gebiet, wo sich in den letzten Tagen Ereignisse vollzogen haben, deren Tragweite von uns heute noch nicht richtig übersehen werden kann. Sie bedeuten, wenn nicht altes trügt, in der Kolonisationsfinanzierung eine völlige Revolutionierung. fes hat sich eine Bank konstituiert unter dem provisorischen Namen „Direktor, Blum and Cohen" mit einem Kapital von einer Million Dollar und einem Reservefonds von hunderttausend Dollar. Die Bank, die als amerikanische Gesellschaft in U. 6. A. registriert werden wird, gedenkt im Oktober ihre Tätigkeit aufzunehmen. Ihr Augenmerk wird sich stark auf Anlage von Pflanzungen, aber ebenso auf die industrielle Kolonisation richten. Es ist klar, daß diese Bank eine starke Konkurrenz sein wird, nicht so sehr für die A. P. C., sondern Barclays Bank gegenüber. (Diese hat bekanntlich die Anglo-Egyptian übernommen. Anm. d. Red.) Es kann auch kein Zweifel bestehen, daß all die zahlreichen kleinen Banken, wie „Ashrai", ,,Bnei Benjamin", „Halvaah Vechisachon" etc. früher oder später in ein gewisses engeres Verhältnis zur neuen Bank gelangen werden. Ein zweites wichtiges Ereignis auf diesem Gebiet ist das Angebot des Vizepräsidenten der Public National Bank in New York, J. J. Bach, der bei seinem Besuch in Palästina sich bereit erklärte, die zionistische Hypothekenbank in ein Privatinstitut umzuwandeln, wobei eineinhalb Millionen Dollar für die Zwecke der Bank zur Verfügung gestellt würden. Diese beiden Ereignisse zusammen stellen die nationale Finanzwirtschaft vor eine völlig neue Situation, über deren Lösung vorerst nur vage Kombinationen möglich sind. Das Entscheidende an den beiden Ereignissen ist jedoch, daß sich in ihnen der Anbruch einer neuen Aera manifestiert. Das Großkapital hat Palästina als Gebiet für wirtschaftliche Anlagen entdeckt und damit beginnt eine völlig neue Periode in der Kolonisation des Landes. * Hand in Hand mit dieser wirtschaftlichen Neugestaltung erfolgte auch eine Umgestaltung der Ideologie in den führenden zionistischen Kreisen. Als entscheidend sind hier die Interviews zu betrachten, die