Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 10 (1927)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Industrie und Majorität
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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95 die Landwirtschaft ist nur ein erweiternder Annex daran. Wenn man also der Ansicht ist, daß die Industrie heute -keinen Markt in Palästina hat und man ihr einen schaffen will, dann folgt daraus keineswegs, daß man ihn nur durch landwirtschaftliche Kolonisation schaffen kann, sondern daß man ebenso gut die industrielle Kolonisation von vornherein in einem breiten Umfang beginnen kann, der den Erzeugnissen der Industrie in der Industrie selbst einen Markt sichert. Dann darf man nicht langsam, solide, evolutionär, organisch, oder wie die verschiedenen, an gewisse Instinkte appellierenden Ausdrücke alle heißen mögen, im Meinen beginnen und mit der Schaffung von zwei oder drei Fabriken anfangen, die nicht wissen, wo sie ihre Waren lassen sollen. Sondern dann muß man auf einmal eine große städtische Bevölkerung und das heißt eine Vielzahl von Fabriken ins Land bringen, die in sich selbst der Markt für ihre Waren sind, wo der Weber nicht nur die Arbeiter des Schuhfabrikanten zu Kunden hat, sondern auch die der Strickerei, der Möbelfabrik, der Färberei, der Schokoladenfabrik, der Seifensiederei usw., zu denen noch die Angehörigen all der anderen Berufe kommen, die zur Befriedigung der Bedürfnisse einer solchen städtischen Bevölkerung gebraucht werden: etwa der Arzt, der Bändler, der Rechtsanwalt. Dann ist eine „kleine Einwanderung" wirtschaftlich eine Unmöglichkeit, eine Utopie. Im übrigen hat die Industrie in Palästina heute schon einen Markt, sie braucht ihn sich nicht erst ganz von neuem .zu schaffen. Er ist schon da, und sie braucht ihn nur auszunützen, um ihn ganz automatisch, durch ihre bloße Anwesenheit, durch die Tatsache, daß sie neuen Einwanderern Verdienstmöglichkeiten gibt, zu erweitern. Daher ist — „leider" muß ich vom politischen Gesichtspunkt aus sagen — auch eine kleine Einwanderung möglich. II. Schließlich: Wenn ein Land auch noch so klein, seine Bevölkerung auch noch so arm ist, irgend welche unbedingt lebensnotwendigen industriellen Fertigwaren in irgend einer Quantität braucht es dennoch. Und in Palästina wohnen neben der Masse wilder Fellachen {wild natürlich nicht, weil sie etwa Menschenfresser sind, sondern ihrer Zivilisationsstufe nach) nebenbei auch etwa 300.000 Menschen mit einem europäischen Kulturniveau, zur Hälfte Juden und Levantiner, zur Hälfte Araber. Also darf man annehmen, daß immerhin eine (Basis, eine kleine Grundlage für eine Industrie (gesehen vom Standpunkt des Absatzes) vorhanden ist. Die Statistik des palästinensischen Warenbedarfes lehrt, daß dieses arme, dünnbevölkerte Land mit seinen damals knapp 800.000 Einwohnern im Jahre 1924 (ich lasse das Haussejahr 1925 absichtlich außer Betracht) immerhin für 2,8 Millionen ägypt. Pfund, also etwa vierzehn Millionen Dollar, industrielle Fertigwaren importiert hat. Gewiß, es waren darunter sehr viele und verschiedenartige Artikel, aber von fast jedem einzigen wurde doch genügend verbraucht, um wenigstens einer mittleren Fabrik, selbst wenn sie nur