Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 8 (1911)
- Issue
- Heft 7-9
- Article
- Zum Kulturproblem
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 6)
- Language
- German
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Soviel man über nationale Erziehung spricht, so wichtig man sie nimmt, so ist ihr Wesen oft noch unbestimmt. Zwar regt sie unbewußt alle Kräfte der Jugend an, durch Sprache und Land, durch Luft und nationale Sphäre, durch eine Umgebung, die den zerfahreneren Bedingungen des modernen Lebens gegenüber zur Einfachheit, zur Lebensschönheit und -harmonie hinleiten können. Ob all diese Impulse aber auch für späterhin der suchenden Lebendigkeit der einmal neu geweckten und befreiten jüdischen Eigenart genügen können? Schon heute ist das Verhältnis des nationalen — also auch des kulturell nationalen jüdischen Elements zu den Quellen, zur Geschichte, zum Sinn des Judentums ein . recht ungeklärtes, und gerade die Umdeutung der fundamentalsten Erscheinungen desselben ins bloß Nationale verwischt den eigentlichen Sinn des Nationalen. (Der an sich nicht allzu bedeutsame literarische Streit, der aus Anlaß des bekannten Artikels Achad- Haams jüngst im „Haschiloah" und „Hapoel Hazair" geführt wurde, zeigt, wie sehr ungeklärte Gegensätze noch beieinander wohnen). Auch werden die Kräfte, die heute für den Fortschritt in der Realisation des zionistischen Gedankens notwendig sind, noch durch das positive Moment der durch eine volkstümliche Strömung genährten Begeisterung und durch das negative der Bedrückungen wach erhalten. Ob aber diese treibenden Kräfte auch schon als erhaltende Kräfte der Zukunft betrachtet werden können? Von dem einen Gesichtspunkte aus: wie eine neue Lebensform unseres Volkes an die zentralen Quellen des Lebens wieder anzuknüpfen wäre, scheint denn auch das Problem der religiösen Erziehung einzig erfaßt werden zu können. Das Nationale, das in seinen höchsten Inhalten erst seinen eigentlichen Sinn hat, kann nicht über das religiöse Moment die Entscheidung bringen (ebensowenig kann es der erziehliche Utilitarismus, den Dr. Thon in seinem Aufsatze in der Palästinanummer der „Welt" für ein gewisses Maß religiöser Erziehung vertritt). Andererseits greift diese Auffassung über jene bloß nationalen Formen, die sich in den religiösen verbergen, weit hinaus, gibt uns aber zugleich auch für diese ein innigeres Verständnis. Wenn dann in der Berührung der verschiedenen Volksschichten in Palästina — von freidenkerischen bis zum orthodoxesten Element — und in den Gegensätzen der verschiedenen, zumeist ja nur aus äußerlichen Gründen entgegengesetzten Volksbildungstendenzen die Frage des religiösen Moments der Erziehung von außen an uns herantreten sollte, wird ein positiver innerer Standpunkt allein den festen Punkt bilden, an dem Irrung und Vor- 201