Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 8 (1911)
- Issue
- Heft 7-9
- Article
- Zum Kulturproblem
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 200 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Es hieße ja uns über uns selbst täuschen, wenn wir den vorexilischen Zustand der Volksgeschichte noch heute zu unserem Strebensziel machen könnten. Die nationale Autonomie ist heute etwas ganz anderes, und das Volk ist etwas anderes. Schließlich scheint es also, daß diese Art des Volkes, sein selbst bewußt zu sein, nicht einmal eine gar so „rein theoretische Sache" ist, die mit der Praxis nichts zu tun habe. Wenn schon der bloße Nationalismus imstande ist, schlummernde Kräfte in die Bahn einer so weit wirkenden Bewegung zu zwingen — eigentlich ist er nur die Aeußerung solcher nach Aeußerung drängender Kräfte — von um wieviel größerer Wirkung müßte ein von vollem Selbstbewußtsein, von vollem Kulturgewissen getragener Nationalismus sein. Da gilt dann Kultur nicht als ein Spezialgebiet oder bloß als ein Gipfel, sondern als die Wurzel des Baumes. Selbst die Siedlungsfragen*), andere Fragen anscheinend wirtschaftlicher Art, die Frage der Lebensführung sind gerade in dem Punkte, wo wir stehen, so wesentlich von Wahl- und Willensmomenten abhängig, daß die „materialistisch-ökonomische Begründung" dagegen wie eine Farce auf den gesunden Menschenverstand aussieht. Die zionistische Bewegung trägt im Zentrum ein rein ideelles Moment, das Volksganze über die Forderung des Einzelnen, die Zukunft über die Gegenwart setzend. Wenn nur nicht der Zwiespalt der Mittel: der Individualismus der Meinungen, Trägheit oder ihr Gegenteil die klare und bewußte Besinnung verdunkeln!--- Auf einem Gebiete wird die Sache selbst zu einer Vertiefung des Kulturbewußtseins drängen, auf den Gebieten der kulturellen Arbeit im engeren Sinne! Diese kann ihre Ziele nicht unbewußt verfolgen! Hier werden die Formen, die Institutionen, die Mittel, die Muster, selbst wenn diese schon alle vorhanden wären, nicht völlig ausreichen können! Ich möchte sagen : eine Sphäre des Bewußtseins über das Wohin und Wie muß sich hier klarer über die Wirklichkeit erheben, und dies ist möglich, wenn das Woher und Was, Vergangenheit und Gegenwart einmal klar geworden ist. An zwei Problemen der wichtigsten Kulturfrage, der Erziehungsfrage, mag dies immer deutlicher hervortreten, die manche — es sei hier nicht entschieden, ob mit Recht oder Unrecht —: nicht von einander trennen, andere auf eines reduzieren möchten, das nationale und das religiöse Problem. *) Vgl. den Artikel Bergmanns. 200