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Palästina · 1911-01-01 · Heft 7-9 · p. Seite 199

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
8 (1911)
Issue
Heft 7-9
Article
Zum Kulturproblem
Date
1911-01-01
Page
Seite 199 (sequence 4)
Language
German
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sich neu entwickelnde Bevölkerung zu heben, geistig und gesellschaftlich zu beleben, so ist damit noch nicht gesagt, was das Belebende, das Hebende in seiner spezifischen Eigenart sei. Und wenn wir das Nationale, die eigene suchende Kraft als mit der Hebung des neuen Bevölkerungselements, mit der Belebung des neuen Zustandes innig verwachsen fühlen, so ist auch damit noch nicht der Inhalt, noch nicht der Sinn gefunden, der dieser Belebung zugrundeliegt. Es wäre aber seltsam zu glauben, daß man nur erst zu schaffen brauche und daß der eigentliche Sinn dieses Schaffens erst nachher von selbst sich einstellen werde. . . . Je bewußter ein Volk ist, je mehr durch geschichtliche Erfahrung durchgegangen — und wir können gar nicht annehmen, daß sich bei uns alle Entwicklung so unbewußt vollziehen werde wie bei ganz jungen Anfangsvölkern — desto weniger kann es dessen entraten, sich eines eigenen Schicksals, seiner eigenen bewegenden Mächte bewußt zu werden. Es ist aber auch nicht selbstverständlich, daß ein jüdisches Volkselement, bloß weil es seine eigenartige geschichtlichgeistige Tradition besitzt, auch von selbst in geistiger Eigenart noch schöpferisch werden wird. Zumindest kann nicht in der Rückkehr zum Naturleben und zu einfacheren, harmonischen Lebensverhältnissen allein die Fortschrittslinie des Judentums liegen. Von diesem Gesichtspunkte aus müssen wir bekennen, daß wir noch sehr im Anfange einer neuen Entwicklung stehen, daß, was wir wesentlich Neues haben, doch erst nur die suchenden Kräfte und gewisse äußere Bedingungen sind und daß wir die Worte für das Werdende nicht zu laut und nicht zu leicht nehmen dürfen. Daß wir andererseits den Sinn und das Ziel unserer Institutionen nicht in dem Moment der nationalen Separation erblicken können, sondern in allem Positivsten und Lebensförderndsten, das wir kennen, jeder in seiner Sphäre und nach den Grenzen der möglichen Wirksamkeit. Daß wir dann auch solche Kulturarbeit für nichts anderes als eine Vorbereitung nehmen können, für eine- Eigenart, die höchstens in den Keimen da ist, zugleich aber auch für ein Glied in der Kette des immer sich wandelnden geistigen und Kulturlebens überhaupt, und für ein, wenn auch vielleicht hoffnungsreicheres Glied in der Kette der ganzen Entwicklung des Judentums. Auch die hie und da in den Köpfen spukende Vorstellung, als sei das Golus ausschließlich auf die negative Seite der jüdischen Geschichtsentwicklung zu setzen, wird vielleicht einer anderen Auffassung allmählich Platz machen, daß doch auch in ihm, wenn auch nach einem Gedanken Moses Heß', in einem mehr latenten Zustande, ein Vorwärtsentwickeln stattgefunden hat. 199

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