Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 8 (1911)
- Issue
- Heft 7-9
- Article
- Die landwirtschaftliche Kolonisation unter den Juden
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 5)
- Language
- German
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nur ihre Familie zu ernähren, sondern auch sich selbst durch Zukauf von Land allmählich weiter zu bringen und zu selbständigen Bauern zu machen. Vielleicht nicht allen, aber doch den tüchtigsten wird dies sicher gelingen, wie vereinzelte Beispiele in den jüdischen Kolonien schon jetzt beweisen. Ist es hiernach ökonomisch denkbar, bemittelte und unbemittelte Juden der Landwirtschaft zuzuführen, so bleibt doch immer noch zweifelhaft, ob die Juden von dieser Möglichkeit Gebrauch machen werden. Das Wirtschaftsleben in Europa drängt immer mehr auf Kosten der Landwirtschaft zu Industrie und Handel hin. Der Zug vom Lande in die Städte ist eine in allen Kulturländern wahrzunehmende Erscheinung. Der Uebergang eines in Industrie und Handel tätig Gewesenen zur Landwirtschaft ist dagegen ein seltenes und häufig mißlingendes Vorkommnis. Gilt dies schon allgemein, so gilt es noch ganz besonders für die Juden, die vermöge ihrer großen geistigen Beweglichkeit geradezu von Natur auf Handel und Industrie als den zur Ausnutzung ihrer Fähigkeiten geeignetsten wirtschaftlichen Tummelplatz hingewiesen werden und ja auch in diesen Berufen so augenfällige Erfolge erzielt haben und noch erzielen, daß für sie kein wirtschaftlicher Anlaß vorliegt, diese Wirtschaftszweige mit einem anderen zu vertauschen, an den die Anpassung nicht ganz leicht ist. Solange die Intelligenz noch einen Seltenheitswert hat, wie es in den heutigen Wohnländern der Juden der Fall ist, werden deshalb im besten Falle nur die weniger intelligenten Juden für den Ackerbau zu erziehen und bei ihm zu halten sein. Es mag paradox klingen, aber es ist doch richtig, daß in die jüdischen Ackerbauschulen in Europa eigentlich nur geistig und unbegabte Schüler aufgenommen werden sollten : nur dadurch wird man verhüten, daß der größte Teil der Schüler sich später von der Landwirtschaft abkehrt. Nach alledem scheint uns eine freiwillige Zuwendung von bemittelten und unbemittelten Juden zur Landwirtschaft in großem Maßstabe nur aus außerökonomischen Gründen möglich zu sein. Es könnte z. B. eine große Bewegung einsetzen, die, von der Erkenntnis ausgehend, daß die Juden in ihrer jetzigen Lage dem Untergange zusteuern, die Wiederaufnahme der Landwirtschaft als einziges Mittel zur Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft verkündet und die Rückkehr zur Landwirtschaft auf ihre Fahne schreibt. Allerdings können diese Motive nur einen ein maligen Anstoß geben; soll der durch sie geschaffene Zustand von Dauer sein, so müssen die ökonomischen Verhältnisse, die sich am Ende im sozialen Leben überall als ausschlaggebend erweisen, den neuen Zustand als vorteilhaft erscheinen lassen. Die Begeisterung kann eine (auch wirtschaftlich ungünstige) Veränderung hervorrufen, aber sie kann sie nicht auf die Dauer erhalten, wenn ihr nicht die ökonomischen Bedingungen zu Hilfe kommen, d. h. in unserem Falle, wenn die Landwirtschaft sich nicht als eine dem Handel und der Industrie ebenbürtige Existenzquelle erweist. Nimmt man dies aber an, wie wir es oben wahrscheinlich zu machen suchten, so könnte sich die Rückkehr der Juden zur Landwirtschaft in großem Umfange verwirklichen. 188