Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 8 (1911)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Individualismus und Harmonie der Entwicklung
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
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Sinn verloren ginge. Aber der Fortschritt eines Gemeinwesens setzt sich nicht rational aus der Summe aller individuellen Förderungen zusammen. Das scheint der Grund zu sein: weshalb aus kapitalistischer Kolonisation allein ebensowenig gesunde Gemeinwesen — im sozialen Sinne — hervorgehen dürften wie aus bloß philanthropischen Siedlungsformen. Nur wo starke Gemeinschaftszusammenhänge von vorneherein entweder in die Kolonisation hinein sich fortsetzen oder dieselbe geradezu begründen, ist wenigstens von sozialwirtschaftlichen Seite ein Aufbau zu erwarten. Es scheint ganz unvermeidlich, daß der bloße Unternehmungstrieb solche soziale Folgen hätte, als Bodenverteuerung, Städtebildung, Verschärfung von Klassengegensätzen. Ihn zur treibenden Kraft eines Kolonisationsgedankens machen, hieße geradezu: die Zentralisation schon auf Dezentralisation anlegen. Deshalb wäre die allmähliche Umsetzung des ursprünglichen Kolonisationsgedankens in allgemeine Fortschritts- und Unternehmungspläne für ein Land, das nicht Expropriationsland einer Regierung oder großer kapitalistischer Gesellschaften bildet, nicht ganz ohne Gefahr. Aber auch die Hervorkehrung der entgegengesetzten sozialen Tendenz in schroffen, unorganischen Programmtendenzen, wie sie in manchen sozialistischen Erscheinungen so stark zutage tritt, ist im Grunde — antisozial. Steigert sie oft eine bloß natürlicherweise existierende Gliederung zum „Klassenkampfe", so hat sie in den Verhältnissen des neuen Landes als solchen noch keine organischen Grundlagen. Der Proletarier von heute kann morgen Grundbesitzer sein und vielleicht lassen sich Wirtschaftsformen denken, wo die Klasse nicht viel mehr als eine fließende Form ist. Die wirtschaftlichen Verhältnisse eines neuen Landes sind gar nicht so sehr durch vermeintlich eherne Gesetze bestimmt, sondern gar sehr durch rein individuelle Entscheidungen bedingt. Nichtsdestoweniger liegen solche Gegensätze in Verhältnissen, die, der ganzen Zeitlage entsprechend, nach Palästina schon mitgebracht werden. Wenn aber auch die jüdische Arbeitsfrage, die Förderung des arbeitenden Bevölkerungselements in Sinne des zentralen Wirtschaftsproblems Palästinas liegt, so kann doch nicht die Arbeitsfrage als Sondertendenz der zentralen Tendenz gegenüber eine spezielle diese überragende Geltung beanspruchen. Denn auch das „wohlverstandene Eigeninteresse" ist nicht identisch mit jenem sozialen Geiste einheitlicher Entwicklung, der manchmal von allen Seiten auch gewisse Rücksichten und Opfer erfordert. Ein anderes noch unharmonischeres Zeichen eines „Golusindividualismus" ist die Erscheinung, daß an der Organisierung dieses kleinen; Gemeinwesens wenigstens acht europäische Organisationsgruppen arbeiten — von den rein palästinensischen „Agudat" und „Waads" ganz abgesehen — und zwar so arbeiten, daß die meisten von ihnen prinzipiell dieselben Ziele verfolgen, manche sogar nach Methoden, die von einander garnicht so sehr verschieden sind, während andere wieder durch die Art: ihrer Geistesverschiedenheit oder durch einen der inneren Tendenz der Entwicklung selbst fremdartigen Geist, lähmend auf die Entwicklung wirken. Eine Gesundung ist hier einerseits von einer mehrfach empfohlenen Verständigung der verschiedenen Organisationen zu erwarten, andererseits, von einer Umwandlung gewissermassen der unorganischen in organische- 154