Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 8 (1911)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Individualismus und Harmonie der Entwicklung
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 1)
- Language
- German
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:: PALÄSTINA :: MONATSSCHRIFT FÜR DIE ERSCHLIESSUNG PALÄSTINAS. VIII. JAHRGANG 1911 HEFT 6 Individualismus und Harmonie der Entwicklung. Von Dr. Ernst Müller. Die Fortschritte und in noch viel höherem Maße der Aufbau eines gesellschaftlichen Gemeinwesens hängen wesentlich von dem Verhältnis ab, in welchem individuelle und soziale Interessen, gemeinsame Zwecke und spezielle Tendenzen ineinandergreifen. Ein in sich einförmiges Idealbild wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Zusammenlebens wäre eine Utopie, der gegenüber das Leben ein Fließendes, beständig sich Wandelndes ist. Selbst die anscheinend unverrückbaren Grundprinzipien, soferne sie schon bestimmte Gestaltungen erfordern, wandeln sich. Andererseits hat ohne starke soziale Zusammenhänge die bloß individualistische Fortschrittstendenz einen destruktiven Charakter. Gehen Sonderinteressen, -ziele, selbst Ideale an einander vorüber, dann werden sie schließlich miteinander kollidieren und einander entgegenwirken müssen. Deshalb ist auch die Verwirklichung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina an das Vorwalten zentraler Tendenzen gebunden. Darin besteht ja der wesentliche Unterschied dieser von anderen Kolonisationen. Die äußeren Kolonisationsbewegungen anderer Völker sind zentrifugal, von der Heimat weggerichtet, sozusagen expansiv, die jüdische Kolonisation kann nur als nationale Sammlung, als Zentralisation auch der innerhalb ihrer waltenden Tendenzen erfolgreich sein. Der Individualismus scheint also als Tendenz in ihr umsoweniger Entwicklungswert zu beanspruchen, als er gerade in den historischen Voraussetzungen und in dem Volkscharakter die innere Bedingtheit dieser Entwicklung bildet. Die bloße Möglichkeit, aus so verschiedenen Lebensrichtungen her sich in einer Entwicklungstendenz zu begegnen, bezeugt ja, daß ein sozialer Zusammenhang im jüdischen Volke noch stark genug ist, um national lebensgestaltend wirken zu können. Man darf sich nur in dieser Tatsache des Anfangs noch nicht wie^ in der Bürgschaft ewigen Fortschritts wiegen. Was für Kräfte nun wirklich im Sinne des Fortschritts wirken,« diese Frage ist noch nicht überflüssig, im Gegenteil, in ihrer Tragweite, wie es scheint, noch gar nicht recht erörtert worden. Zunächst ist schon der wirtschaftliche Charakter des neuen Wachsens, des neuen Bauens durch die Doppeltendenzen des Individuellen und des Sozialen bestimmt Ohne persönliche Antriebe — für welche manchmal der Name „Idealismus" nicht ganz zutrifft — hätte die ganze Entwicklung keine treibende Realität, wie ihr ohne soziale Richtung der eigentliche 153