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Palästina · 1911-01-01 · Heft 4 · p. Seite 97

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
8 (1911)
Issue
Heft 4
Article
Die Bedingungen der jüdischen Bauernkolonisation in Palästina
Date
1911-01-01
Page
Seite 97 (sequence 9)
Language
German
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Ein kleines Beispiel möge zur Illustration dunen. Ein Kolonist besitzt ein Paar Pferde. Nach ganz genauen Berechnungen an Ort und Stelle bleiben die Pferde auch bei der intensiven Landwirtschaft 75 Tage im Jahre ohne Arbeit. Da sucht der Kolonist unter Benutzung seiner Pferde und eines Wagens etwas zu verdienen. Aber er sucht vergebens: es gibt nichts zu transportieren. Das hängt nicht von uns ab, denn die Nebenverdienste sind ein Produkt der dichtbevölkerten Großstädte, die eben in Palästina noch fehlen. Aber diese Tatsache führt uns auf ein anderes Gebiet: auf dasjenige der städtischen Kolonisation, auf die Herr Davis T r i e t s c h schon mehrere Male hingewiesen hat. Wir müssen unbedingt auch die Städte kolonisieren. Wohl bewegen wir uns da in einem Kreise: um Städter zu haben, müssen schon wohlhabende Dörfer da sein, und umgekehrt: um den Dörfern Absatzmärkte für ihre Produkte und Nebenverdienste zu sichern, müssen dichtbevölkerte Städte vorhanden sein. Aber wir müssen mit allen diesen Schwierigkeiten rechnen und überall unsere Hände anlegen. Jedenfalls sind wir gezwungen, dem Problem der städtischen Kolonisation näher zu treten. Und zwar muß dieses Problem zuerst dahin gelöst werden, daß man darnach trachtet, das schon jetzt in Jerusalem, Jaffa, Saphed, Tiberias vorhandene Judentum in eine Werte produzierende Bevölkerung zu verwandeln. Die Chalukah-Organisation, die jedes Jahr mehrere Millionen nach Palästina abführt, müßte auf ganz neue Grundlagen gestellt werden, mit dem Ziele, einen Teil des Geldes wenigstens rationeller zu verwenden. Da ist vor allem an Handwerkerausbildung zu denken und an die Schaffung von Kreditkassen für die jüdischen Kleinhändler, und ganz speziell müßte man die Gartenwirtschaft in der unmittelbaren Umgebung der Städte zu entwickeln trachten. Als weitere kolonisationshemmende Ursache ist die Steuerhöhe zu betrachten. Absolut genommen ist der Oscher keine drückende Steuer. Man braucht nur die Steuern eines europäischen Bauern zum Vergleich heranzuziehen, um sich davon zu überzeugen. Aber der Oscher ist drückend, weil ihm keine Gegenleistungen seitens des Staates gegenüberstehen. Der europäische Bauer zahlt hohe Steuern, aber dafür bekommt er vom Staate bequeme Verkehrswege, medizinisch-sanitäre Hilfe, teilweise Schulen und vor allem Sicherheit des Handels und Wandels. Der türkische Staat kassiert die Steuern ein, aber bietet dafür nichts. Keine Verkehrswege, keine Schulen, keine medizinische Hilfe und keine Sicherheit. Die jüdischen Kolonien in Palästina sind gezwungen, für Schulen und medizinische Pflege selbst zu sorgen und, was am drückendsten ist, sie müssen sehr viel Geld verwenden für die Organisation der Bewachung ihrer Güter. Die Wächterfrage ist eine brennende Frage in Palästina und speziell in den galiläischen Kolonien- All das lastet auf dem Kolonisten moralisch und materiell. Was ist da zu machen? Wir gehören nicht zu den Optimisten, die da glauben, die konstitutionelle Türkei werde auf diesem Gebiete alles zum Besten reformieren. Jawohl, mit der Zeit wird sieh das ganze Leben zum Besseren entwickeln. Aber es werden bis dahin Jahrzehnte vergehen. Wir sehen vorläufig nur einen Ausweg: Schaffung von großen, widerstandsfähigen Kolonien. Eine kleine Kolonie von 30 bis 40 Familien ist ein Unsinn: sie 97

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