Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 6 (1909)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die hochgebaute Stadt
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
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Da, in dem Winkel sitzt eine zusammengekauerte Gestalt. Ists ein Mann oder ein Weib? Tief herunter ist das Haupt gebeugt, der zitternde Mund küsst den Stein, dann, lallt er schluchzend zum Gebete, — die Klagen, die Jeremias einst weinte, als er auf den Trümmern Jerusalems sass. Als er mit dem vom Weinen und der Verzweiflung erloschnen Blicke hinaufsah zum Firmament, zu seinem ewigen Gott, dessen Heiligtum zerstört wurde. Wehe der Welt, dass dieses geschah — wehe Jerusalem, dessen Mütter ihre Kinder töteten, aus Verzweiflung, aus Wahnsinn und Hunger, während der Feind vor den Toren wütete. Dort steht eine Gemeinde, stehn zehn Männer, wie sie zusammenkommen sollten, nach Mosis Gebot, um eine Gemeinde zu sein. Auch sie beten, und haben keine Blicke für die Neugierigen, die sich ansammeln. Sie sind der Zeit entrückt, sie sind im Gebete versunken. Und die Worte sterben ihnen auf den Lippen, der Mund bebt vor verhaltnem Jammern. Hier müssen sie stehn wie Fremde, an der Wohnung ihres Vaters, iwie Ausgestossene. Nur diese Mauer ist ihnen noch geblieben. Aber das ist die ewige Mauer, die ihnen Feinde aufrichteten. Hinter dieser Mauer steht die heilige Wohnung ihres Gottes Zebaoth nicht mehr, die heilige Lade ist nicht mehr da und nicht der Hohe Priester. Aber sie dürfen nur bis zu dieser Mauer, dürfen wehklagen und weinen — denn sie sind Juden. Ich habe dk heilige alte Stadt Jerusalem, die düstern, engen Gassen gesehn, wie sie Touristen nie zu sehen pflegen, selten oder nie sehen können. Ich sah sie am Abend, als Jerusalem, die Stadt, schlief, als das grosse Licht des Tages abgelöst ward vom kleinen Licht der Nacht. Jerusalem schläft, wenn der Tag verronnen ist. Keine Laterne leuchtet, niemand geht durch die engen Strassen. Die Ruhe deckt alles zu. Und welche einsame Ruhe, welche Stille des Grabes. Die Luft bewegt sich nicht, der Schall ist gefesselt. Die Vergangenheit blickt aus dem Boden, und sie sieht, was aus Jerusalem geworden ist. ' □ □ □ Ich ging in die Bethäuser der Juden. Die liegen versteckt, und man muss durch viele Winkel laufen, ehe man zu ihnen kommt. Es war am Freitag abend. Die Gewölbe in den engen Gassen waren geschlossen. Von allen Seiten kamen alte, bärtige Männer in säubern Trachten, kamen Fmuen und Kinder, angetan mit den besten Gewändern, die ihnen die Armut gestattete. Und auch die Gassen waren rein. 35