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Palästina · 1909-01-01 · Heft 2 · p. Seite 36

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Palästina
Volume
6 (1909)
Issue
Heft 2
Article
Die hochgebaute Stadt
Date
1909-01-01
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
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Die Tempel waren öde — die Beter in sich versunken. Sie blickten sich kaum um nach dem Fremden, aber in ihren Mienen konnte ich die Frage lesen: — bist du gekommen, um wie ein Neugieriger uns mit deinen Blicken zu betasten, um zu erspähn, ob etwa die Wunde unsers Herzens und das Leid unsers Lebens interessant sei. Bist du ein Jude? dann sei dies auch dein Haus, dann sei unser Bruder. — — Trieb dich die Sehnsucht ins Land deiner Ahnen, ist auf deinen Lippen ein Lobgesang Gottes, wie ihn einst Jehuda ha Levi, der Sänger, sang, — oder willst du mit uns um das Heiligtum klagen? — Ihr Brüder draussen im Abendlande — ihr wisst nicht, dass wir hier an jedem Tage Trauer haben und Klagelieder <,weinen. Aber ich fühlte das Leid mit ihnen, die da im Gebete versunken standen. — Und doch verliess ich die Stätte dhres Gebets, denn ich suchte noch immer Jerusalem — das ich nicht finden konnte. □ □ □ Am Tage findet man das alte Jerusalem nicht mehr. Einst wird kommen der Tag, — dann wird ein neues Jerusalem wohl erstehn — in dem die Arbeit der Gegenwart die alte Erinnerung heiligen wird. Man gehe nur zwei Wegstunden hinaus, die Strasse nach Jaffa zu. Zwar ist die Strasse noch' verwahrlost, weil ein habgieriger Gouverneur in Jerusalem die Steuern und Wegegelder in die eignen Taschen leitet. Aber man kommt doch zur sogenannten Herzl-Kolonie. Hier stehn zwei einsame Zypressenbäume, die Herzl, der begeisterte Zionist, einst selbst pflanzte. Um diese zwei Bäume isteine niedrige Mauer aufgeführt. Aber das ganze Feld ist mit jungen Schösslingen bepflanzt, mit Reben, Rosen und Olivenstöcken. Die winzigen Bäumchen werden wie zarte Kinder vor jedem Windhauche geschützt. Um jeden Steckling ist ein kleiner Zaun aus flachen Kalksteinscheiben gelegt. Ein alter Araber hütet diesen Garten — und er zeigt den Besuchern voller Stolz die aufspriessenden Keime, als seien sie Kinder, die seine treue Ob* hut behütete. Rings herum sind massive, neue Häuser errichtet, in denen die Menschen, Vertriebene aus Russland, ein würdiges Dasein führen. In den ausgemauerten Kellern lagert der Wein, dessen Güte ihm alle Welt eroberte. So wird Jerusalem, das viele, viele Jahre brach lag, wieder lebendig und fruchtbar. Ein Jerusalem der Arbeit und des Fleisses. Es wird neben der Stadt aufgebaut sein, die den heiligen Erinnerungen geweiht sei und bleiben soll. Aus: Von Spitzbergen nach Jerusalem (Hapag-Reisen). SB BB BB 36

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