Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 4 (1907)
- Issue
- Heft 6-8 (Juni 1907)
- Article
- Das türkische Heer [Nachricht]
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 214 (sequence 3)
- Language
- German
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- 214 — Sehr viel härter aber lautet ein anderes Urteil, das ein genauer Kenner der türkischen Truppe in einer Reihe von Aufsätzen jüngster Zeit in „Danzers Armee' zeitung" (Nr. 20, 21, 22, 1907) über ihre Kriegstüchtigkeit fällt. Zunächst stellt der Verfasser fest, daß der verhältnismäßig leichte Sieg im Jahre 1897 über das jammer' volle griechische Heer für die militärische Vervollkommnung des türkischen Heer* wesens keineswegs vorteilhaft gewesen sei. Während er für europäische Augen die noch immer fortwuchernden tiefen Krebsschäden des gegenwärtigen RegierungS' Systems aufgedeckt habe, seien die maßgebenden türkischen Kreise im Gegenteil in dem Glauben bestärkt worden, daß alles zum besten bestellt sei. So sei der Eifer zu Reformen geradezu erlahmt, und es sei wenig geschehen, das Heer auf eine Bahn entschiedenen Fortschrittes zu leiten. Infolgedessen ist es einem Gegner, der eine gut geführte Armee besitzt, nicht gewachsen und ist zu größeren, offensiven Kriegszwecken ungeeignet. Dazu kommt, daß auch die ewige Geldnot ein* schneidendeReformen hindert. So ist sogar die Lieferung moderner Schnellfeuergeschütze durch Krupp ins Stocken geraten, weil die Bezahlung nicht pünktlich geleistet werden Konnte. Gegenwärtig sind erst etwa 90 Feldbatterien mit dem neuen vorzüglichen Material ausgerüstet, während 105, sowie die 18 reitenden Batterien noch das gänzlich veraltete Geschütz des Jahres 1873 besitzen. Aber auch die Bewaffnung des Fuß' volks ist eine sehr verschiedenartige und steht nur bei den europäischen Truppen einigermaßen auf der Höhe. Bei allen türkischen Dingen muß man immer unterscheiden zwischen dem, was beschlossen o3er vielleicht auch angeordnet wurde, und dem was wirklich ausgeführt worden ist. Das schlimmste aber ist, daß die Disziplin des Heeres — besonders infolge seiner mangelhaften Bezahlung und Unterhaltung sowie wegen der verspäteten Entlassung zur Reserve — fortdauernd schlechter wird. Die auch früher alljährlich stattfindenden Demonstrationen und Meutereien haben im Jahre 1906 in geradezu erschreckender Weise zugenommen. Allein elf größere Fälle von stürmischen Demonstrationen, ausdrücklichen Gehorsamsverweigerungen ganzer Truppenteile und förmlichen Streiks sind vorgekommen. Kleinere Vorfälle und Kundgebungen dieser Art, die besonders im 2. Korpsbereich (Adrianopel) wiederholt inszeniert wurden, sind hierbei nicht mitgerechnet, obwohl sie zu zahlreichen Desertionen nach Bulgarien — dem wahrscheinlichen Hauptgegner! — führten. Beispielsweise desertierte im Juli 1906 ein Militärapotheker im Offiziersrang mit 12 Soldaten in das benachbarte Fürstentum. Die unzufriedene Stimmung unter den türkischen Truppen im Grenzgebiet nahm dort derart zu, daß sie eiligst auf Befehl von Konstantinopel durch eine besondere Anleihe bei der örtlichen Filiale der Ottomanbank befriedigt werden mußten. Von diesen durch vorenthaltene Soldzahlung hervorgerufenen Ausbrüchen abgesehen sind aber noch ernstere Unruhen dadurch entstanden, daß sowohl aktive Soldaten wie Landwehrleute sich weigerten, nach Yemen zur Bekämpfung der auf' ständischen Araber zu gehen. Allerdings gilt diese Provinz als Grab der türkischen Soldaten, ein hoher türkischer Würdenträger meinte, daß sie der Türkei durchschnittlich 10,000 Soldaten koste. So haben sich denn die syrischen Truppen, als sie dorthin geschickt wurden, gänzlich unzuverlässig gezeigt, und wie es scheint, teilweise und zeitweise im Kampfe geradezu versagt, die Bewegung soll aber auch auf die anatolischen Truppen übergesprungen sein. Tatsächlich sollen die im Yemen befindlichen Truppenteile, die vielfach nach zahlreichen Verlusten durch Krankheiten, Märsche und Desertionen schon mit sehr schwachem Bestände — 350 Streitbare pro Bataillon — dort anlangten, gegenwärtig zu Schlacken ausgebrannt sein, so daß ohne große Verstärkungen die Sache der Türkei im südlichen Arabien einiger' maßen hoffnungslos dasteht.