Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 4 (1907)
- Issue
- Heft 6-8 (Juni 1907)
- Article
- Das türkische Heer [Nachricht]
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 213 (sequence 2)
- Language
- German
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— 213 — auf einen lebenskräftigen emporstrebenden und andererseits auf einen untergehenden. Staat ist. Jene haben das Wesen der Sache begriffen und begierig in sich aufgenommen, diese hat fast nur die Äußerlichkeiten der Organisation adoptiert, die Leitung des Heeres aber, die Erziehung, Ausbildung und Disziplin bewegen sich noch immer in den Bahnen des alttürkischen Despotismus und Fatalismus. Äußerlich ist, wie schon gesagt, die Kraftleistung eine erstaunliche, sie zeigt, wieviel ein Volk auszuhalten vermag, erklärt aber auch neben anderen Gründen die ewige Finanznot der hohen Pforte. Die 18,5 Millionen mohammedanischen Einwohner, die auf dem Gebiete des Reiches wohnen, stellen eine Friedensarmee von 270,000*),. das heißt, 1,5 Prozent der Bevölkerung. Hierbei aber sind noch nicht die militärisch organisierte Gendarmerie von 120,000 Mann und ebensowenig die mobilen Redif- (Landwehr)-Divisionen in Mazedonien und in Yemen gerechnet, im Beginn des Jahres 1907 soll die Stärke des türkischen Heeres 430,000 Mann, das heißt 2,3 Prozent der mohammedanischen Bevölkerung betragen haben. Auf deutsche Be- Völkerungsverhältnisse übertragen würde das ein Friedensheer von rund 1,4 Millionen Mann ergeben. Um diese Heeresstärke auf den Beinen zu halten, wird die Dienstzeit, die gesetzlich drei Jahre beträgt, häufig auf vier bis fünf Jahre ausgedehnt,, während auch die Landwehrleute manchmal jahrelang unter den Waffen stehen. Es ist klar, daß die arme Türkei trotz der geringen Besoldung, die Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften beziehen, in ewiger Geldklemme ist und den Sold beinahe öfter schuldig bleibt als bezahlt. Im allgemeinen sollen Offiziere wie Mannschaften ihre Monatsgage nur fünf bis sechs Mal im Jahre erhalten, höchstens zehn bis elf Mal. (Das türkische Jahr hat dreizehn Monate.) Der Leutnant wird hiernach kaum 300 Mark im Jahre, der Feldwebel etwa 60 Mark wirklich beziehen. Die an sich erbärmlichen Pensionen werden im allgemeinen überhaupt nicht bezahlt. Daher dient jeder Offizier solange er irgend kann, so daß es selbst unter den Subalternoffizieren zahlreiche hochbejahrte Herren gibt. Da unter diesen Umständen die Zahl der nichtaktiven Offiziere gering ist, während ein Reserveoffizierkorps nicht besteht, so muß das Heer sich auch für seine Kriegsformationen zum größten Teil auf die aktiven Offiziere verlassen. Diese sind demzufolge außerordentlich zahlreich und mit rund 24,000 Köpfen, bei einem Friedensheer von nur 270,000 Mann fast so stark wie das deutsche Berufsoffizierkorps (25,111) bei einer Friedens* stärke von 598,000 Mann. Von den an sich tüchtigen Unteroffizieren kann höchstens ein Drittel schreiben und lesen; die Offiziere gehen zum Teil aus dem Unteroffizierstande und nur zur etwas größeren Hälfte aus Militärschulen hervor. Manche werden durch mächtige Gönner ohne jede Vorbildung unmittelbar der bürgen liehen Bevölkerung entnommen. Die Beförderung zu den höheren Stellen — mit Ausnahme der Generalstabsoffiziere — geschieht fast nur nach Gunst. Die Mobilisierung der Armee würde wie bisher, so auch in Zukunft sehr langer Zeit bedürfen und im Kriege müsste bei dem Mangel an planmäßiger Vorbereitung vieles improvisiert werden. Die Vorzüge des Soldatenmaterials und die auf religiöse Momente gestützte Aufopferungsfähigkeit der Bevölkerung werden freilich viele Mängel der noch immer arg vernachlässigten Ausbildung ausgleichen. Es würde nur der Beseitigung des herkömmlichen orientalischen Schlendrians und der Korruption in der Verwaltung bedürfen — was beides freilich wohl nie der Fall sein dürfte — um das osmanische Heer zu einem in jeder Beziehung vorzüglichen zu machen. *) Nach den Angaben des recht zuverlässigen Armeealmanach von Veltze für das Jahr 1907..