Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 4 (1907)
- Issue
- Heft 6-8 (Juni 1907)
- Article
- Wirtschaftliche und politische Interessen der europäischen Mächte in der Türkei
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2379786-2379797-2379802-2381446--01167-2381573- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 207 — schaffen hat, der trotz des grossen Aktienbesitzes der englischen Regierung ein französisches Unternehmen geblieben ist. In der Türkei besteht das Hauptinteresse Englands darin, das in bedrohlicher Weise gegen den persischen Meerbusen vordringende Deutschland in Schach zu halten. Irgendwelche direkte Initiative ist dort nicht zu erwarten, denn die aus den lyrischen Neigungen Gladstones hervorgewachsene Sympathie der liberalen Partei für das Hellenentum hat keinen bestimmenden Einfluss mehr. Frankreich verlor bei den orientalischen Völkern, die für Waffenruhm sehr empfänglich sind, schon durch den deutsch-französischen Krieg das unter Napoleon I. erworbene Prestige. Eine weitere Einbusse bedeutet die neue französische Kirchenpolitik, zumal Deutschland und Italien sich bemühen, an die Steile zu treten. Italien hat von seiner politischen Stellung in der Levante sehr viel eingebüsst, was man z B. daraus ersehen kann, dass in manchen Städten nur die ältesten Leute italienisch sprechen können. In den letzten zwei Dezennien ist ein starker Umschwung eingetreten. Die italienische Industrie hat einen geradezu beispiellosen Aufschwung genommen, und mit Unterstützung einer geräuschlosen, aber wirkungsvollen Wirtschaftspolitik in der Levante überraschende kommerzielle Erfolge erzielt. Mit diesen Erfolgen wächst wiederum der politische Einfluss, gefördert durch die Propaganda der Schule und Vereine. Deutschland hat gleich bei seinem Auftreten im Orient einen Sonderweg eingeschlagen. Es brach mit der traditionellen Christenpolitik Europas und trat entschieden für die Wahrung des territorialen Status quo ein, weil dieser dem deutschen Kapital und Handel das relativ grösste Betätigungsfeld wahrte. Diese Politik musste natürlich den Sultan der Türkei und wie es sich neuestens zeigte, auch andere Fürsten im Orient (Marokko) gewinnen, die alle nur die Politik, nicht den wirtschaftlichen Einfluss der Fremden fürchten. Auf diese Weise gelang es Deutschland durch die anatolische Bahn in Kleinasien eine dominierende Stellung zu erlangen, sich in Syrien an den schon früher angesiedelten, aber anfangs wenig beachteten Templerkolonien und an den in Jerusalem eingeführten •deutschen Benediktinermönchen wertvolle Stützen zu schaffen, wichtige Konzessionen zu erwerben, z. B. die auf der Insel Thassos. In dem Kontakt mit dem eingeborenen Element pflegt aber Deutschland ein anderes Prinzip als z. B. England in Ägypten. England hat sich bemüht, die Verwaltung des fremden Gebieies auf eine europäische Basis zu stellen, dabei zwar selbst am meisten zu profitieren, die anderen Nationen aber mitgeniessen zu lassen. Deutschland hingegen akkomodiert sich den orientalischen Verhältnissen an, und weiss sie nur klug auszunutzen. Österreich und Russland operieren nach der alten Schule, die mit Noten, Protesten und Demonstrationen die offizielle Türkei zur Vernunft, d. h. zur Annahme des jeweiligen Reformprogramms bringen will, um den bedrängten Christen auf dem Balkan Hilfe zu bringen. Wirtschaftspolitische Bestrebungen sind dadurch nicht gefördert worden, denn die zwei Zollkriege, die Österreich bisher führen musste, musste es gerade auf dem Balkan führen. Ist der Glaube an die territorialen Aspirationen Österreichs unbegründet, dann hat es den Fehler begangen, dass es ihm nicht entschieden entgegengetreten und den wahren Charakter