Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 4 (1907)
- Issue
- Heft 6-8 (Juni 1907)
- Article
- Wirtschaftliche und politische Interessen der europäischen Mächte in der Türkei
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2379786-2379797-2379802-2381446--01166-2381572- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 206 — Diese Nachricht bietet eine deutliche Illustration dafür, wie heute politische Machtfragen durch wirtschaftliche Instrumente ausgetragen werden, und ferner für Wandel, der sich in Bezug auf die Lebensfähigkeit der Türkei im europäischen Konzert vollzogen hat. „Wir haben zwar nicht allein geirrt," sagt Dr. Grunzel in einer Besprechung der österreichischen Orientpolitik in der „Österr. Rundschau", die ich im folgenden auszugsweise wiedergebe. „Ganz Europa irrte mit uns. Die alte Orientpolitik Europas ging von der Voraussetzung aus, dass das ganze durch Kriege zusammengeschweisste türkische Reich zerfallen werde. Sie äusserte sich daher nach zwei Richtungen. Während selbst die entferntesten Gebiete der Erde einer geordneten Verwaltung teilhaftig wurden, blieb die Türkei ein ständiger Herd für Willkür; denn die europäischen Regierungen, welche nur an die Verteilung der Erbschaft dachten, brauchten keine Reformen, die europäischen Faiseure, die das Land finanziell und wirtschaftlich ausbeuteten, bekämpften gerade jede Reform, denn ihnen war die Willkür nur ein willkommenes Werkzeug." Alle Fürsorge der europäischen Regierungen wendete sich den jungen Staaten zu, wie Griechenland, Ägypten, Rumänien, Serbien und Bulgarien. Nach beiden Richtungen irrte man. Die Autonomie der Balkanvölker segelte vor allem unter falscher Flagge. Es war kein Kampf des bedrohten Christentums gegen den Islam, denn es gibt in Europa kein in religiöser Hinsicht toleranteres Land als die moderne Türkei, sondern es war eine rein politisch-nationale Bewegung. Die europäische Staatenkunst operierte damals noch zu sehr mit historischen Begrirlen, nach, denen die Türken als ländergieriges Volk von rücksichtslosen Kriegern und die Griechen als ein vom Schimmer des Altertums verklärtes Volk freiheitsdürstender Herren erschien. Tatsächlich ist das türkische Volkselement •ein sehr gesundes, während die Balkan Völker die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt haben. Die Verwaltungsverhältnisse sind kaum besser geworden, die politische Ruhe ist nicht eingetreten. Macedonien und Kreta sind nicht schlechter verwaltet als andere Teile des türkischen Reiches und wenn gerade dort die Fackel des Aufruhrs lodert, so hat das eben nicht innere, sondern äussere Ursachen. Ein Irrtum war es auch zu glauben, dass der Abbröckelungsprozess fortschreiten und die Türkei von der Landkarte oder wenigstens von der europäischen Landkarte verschwinden wird. Konstantinopel muss türkisch bleiben, weil es gar keine europäische Konstellation gibt, welche die Besitzergreifung dieses ungemein wichtigen Punktes durch eine fremde Macht gestattete. Auch ist die Defensivkraft des türkischen Volkes unterschätzt worden. Statt einen Liquidationsprozess abzuwarten, der nicht eintreten wird, wäre es besser, die Konsequenzen aus der jetzigen Sachlage zu ziehen. Bestimmend auf die Sachlage wirkt natürlich auch die Haltung der Grossmächte. England hat sich aus der Türkei mehr zurückgezogen und wendet sein Hauptaugenmerk der Erhaltung der asiatischen und afrikanischen Besitzungen zu. In der Levante besorgt es in erster Linie die Sicherung der Strasse nach Indien und konzentriert seine Tätigkeit auf Ägypten und den Sudan, wo es eben mit Hilfe der neuen Bahn von Berber nach Suakim oder richtiger nach Port Sudan einen Nebenweg zum Suezkanal ge-