Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 2 (1903-1904)
- Issue
- Heft 3-6
- Article
- Die Viehzucht in Mesopotamien
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 230 — widmen sich dieser Zucht. Auf ihr beruht der starke Woll- und Fellexport des Vilajets von Bagdad. Die Ziege spielt in der mesopotamischen Viehzucht nur eine untergeordnete Rolle; sie wird meistens im nördlichen Teile gezogen und liefert die Wolle für die schwarzen Zelte der Beduinen. Die Bevölkerung Mesopotamiens zerfällt in wirtschaftlicher Hinsicht in drei Gruppen: die^ Städter, welche sich hauptsächlich mit Handel und Gewerbe und sonstigen Berufen befassen, die Landbevölkerung, welche Ackerbau und dabei auch Viehzucht betreibt, und endlich die Nomaden, welche mit ihren Herden von "Weide zu Weide ziehen. Bei aller Verschiedenheit der ländlichen Arbeiterverhältnisse herrscht doch im allgemeinen, besonders im Süden, die Eigentümlichkeit vor, dass die Fellachen keine festen Wohnsitze haben, sondern ihre Zelte dort aufschlagen, wo sie ihre Arbeitskraft an einen Grundherrn vermietet haben. Diese Arbeitsverträge werden gewöhnlich auf ein Jahr abgeschlossen. Grosse Grundherren, die Beys, beschäftigen oft Tausende von Fellachen, über die sie eine grosse Gewalt ausüben* Als Lohn bekommen die Fellachen einen Anteil am Ertrage, der je nach der Kultur und der rechtlichen Natur des Bodens verschieden ist. Das Privateigentum an Ackerland ist in Mesopotamien gering und findet sich hauptsächlich in der Nähe grösserer Orte, wo es Gemüse- und Obstgärtnern gehört. Nach Cuinet sind im Vilajet von Bagdad 30 Prozent Mirieh, 20 Prozent Vakuf, 20 Prozent Milk und 30 Prozent gehören der Civilliste. Diese hat seit zwei Jahrzehnten durch fortgesetzten Erwerb von Mirieh (Staatsländereien) einen riesigen Latifundienbesitz geschaffen, genannt Aräzi-i-semje, d. h. Krongüter, der unter einer anscheinend tüchtigen Verwaltung steht. Diese Latifundien haben zur Zeit durchaus nicht jene wirtschaftlichen Nachteile wie im alten Rom, da sie sich nicht auf Kosten der Kleinbesitzer vergrössern, sondern bisher unbebaute Staatsländereien unter Kultur bringen. Die Krongüterverwaltung hat auch viel für die Wiederherstellung verfallener Kanäle gethan, Wege und Strassen angelegt und auch sonst in jeder Hinsicht fördernd auf die Landwirtschaft eingewirkt. Dass sie nicht unbeliebt ist, geht schon daraus hervor, dass die Fellachen lieber mit ihr als mit anderen Grossgrundbesitzern Arbeitsverträge abschliessen. Sachau*) erzählt, dass sich die Krongüter immer daran erkennen lassen, „dass die Aecker besser, aufmerksamer bestellt und die Wohnungen besser gebaut und erhalten sind als in den im Privatbesitz befindlichen Ansiedelungen". Ausser in Mesopotamien besitzt der Sultan auch in Syrien ausgedehnte Ländereien, so dass er als der grösste Grundbesitzer der Welt gelten kann. Leider fehlt es an statistischem Material über diese Krongüter. Abgesehen auch von den Krongütern ist der Grossgrundbesitz in Mesopotamien wie auch in Syrien im Zunehmen begriffen. Einzelnen reichen Familien in Bagdad und Mossul gehören ungeheure Ländereien, der Konstantinopler Bankier Zarifi besass nach Cuinet schon im Jahre 1893 im Vilajet Bagdad 45000 Hektar Land, die zumeist mit Baumwolle und Reis bestellt sind. Auch einzelne Wüstenbarone sollen *) „Am Euphrat und Tigris."