Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 2 (1903-1904)
- Issue
- Heft 3-6
- Article
- Das jüdische Kolonisations-Programm
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 191 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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— 191 — politische und wirtschaftliche Vorschule für den künftigen, den eigentlichen judischen Staat in Palästina. Diese Idee gleicht einer Frucht, in der ein gesunder, keimkräftiger und ein fauler, unfruchtbarer Kern liegt. Der gesunde Kern, das ist die Einsicht, dass das bisherige Programm des Aufgebens aller Kolonisationsaktion bis zur Erlangung eines Charters in Palästina verkehrt war, und dass die Notlage des Judentums eine sofortige Rettungsaktion, eine ununterbrochene Emigrätions- und Ansiedelungstätigkeit dringend erfordere. Der tote Kern ist die Absicht, diese sofortige Rettungskolonisation von dem grossen Werke der Gründung einer Heimstätte im Orient zu trennen und sie nach weit entfernten Gegenden zu verlegen — ist die Konzeption, dass es möglich sei, eine grosse territoriale Ansiedelung nicht nomadenhafter Art auf eine kurze Spanne Zeit zu gründen und bei einer gegebenen politischen Konstellation diesen jüdischen Staat gewissermassen einzupacken und nach Palästina zu transportieren. Diese Konzeption ist völlig irreell, und ebenso irreell ist die Aussicht, dass eine jüdische Ansiedelung in Afrika eine nationale und wirtschaftliche Vorschule für eine Heimstätte in Palästina sein könnte. Gibt es eine Kolonisation auf kurze Frist, einen provisorischen Staat, kann ein solcher in Ostafrika entstehen? Wir haben gesehen, dass es England in 20 Jahren nicht gelungen ist, das Land zu pazifizieren und seihe Exploitierung in die Wege zu bringen. Und wir sollten nun damit so rasch fertig werden, dass wir nach einiger Zeit unsere blühenden Besitzungen veräussern und nach Palästina ziehen könnten? Bedenken wir, wie viel Zeit und welche ungeheure Kosten bloss die Vorbereitungen, die tatsächliche Pazifizierung und die Sanierung des Landes erfordern würden; bedenken wir, wie langsam die Kolonisation fortschreiten würde, nachdem sich die Massenkolonisation bei Berührung mit der Wirklichkeit doch als undurchführbar herausgestellt hätte; wie viel Jähre die missglückten wirtschaftlichen Versuche verschlingen würden, bis man sich endlich zur ruhigen, erfolgreichen Exploitierung durchgerungen hätte. Und das alles, diese enorme kollektive Arbeit und dieses enorme kollektive Kapital sollten dann eines Tages plötzlich im Stiche gelassen oder verschleudert werden, wenn das Signal zum Aufbruch nach Palästina ergehen würde? Wie, wenn dieser Augenblick um die Zeit eintreten würde, wo man alle Opfer gebracht und noch keine Früchte erzielt hat? Könnte man sich dann zu einer summarischen Liquidierung entschliessen? Und gar, wenn man endlich auf den Weg des Erfolges gelangt wäre: kann ein Volk so schwere Errungenschaften leichten Herzens opfern? Die