Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 2 (1903-1904)
- Issue
- Heft 3-6
- Article
- Das jüdische Kolonisations-Programm
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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— 190 — Beide Konzeptionen erweisen sich bei einigem Nachdenken als so undurchführbar, dass wir uns sagen müssen: entweder rollen die Initiatoren des ostafrikanischen Projektes diese für die Zionisten beruhigende Aussicht auf Palästina nur aus Politik auf, um sie allmählich an die neue Orientierung zu gewöhnen — dann handelt es sich um eine bewusste diplomatische Einkleidung; oder sie glauben selbst an diese Aussicht — dann ist es eine Selbsttäuschung. In beiden Fällen ist das Hinweisen auf die realen Verhältnisse und Möglichkeiten unerlässlich. Die gleichzeitige Begründung von zwei grossen jüdischen Gemeinwesen ist aus einem sehr einfachen, handgreiflichen Grunde unmöglich. Trotz aller Anstrengungen der Kolonisationsvereine und der politischzionistischen Organisation ist es in 25 Jahren nicht gelungen, di§ Mittel aufzubringen, um in Palästina allein, der ideell zugkräftigeren Stätte, wirklich in grossem Stil ans Werk zu gehen. Die zionistischen Führer haben sich bitter genug darüber beklagt. Es ist nicht abzusehen, woher sie jetzt die Mittel beschaffen könnten, um in Ostafrika Grosskolonisation zu treiben. Nach den Angaben des Residenten von Mombassa sind zur Ansiedelung einer Kolonistenfamilie minimal 6000 M. erforderlich. Um bloss 20 000 Familien anzusiedeln, wären also 120 Millionen nötig. Dabei müssten für die Werke der Pazifizierung und Sanierung des Landes sowie für Verkehrsanlagen, Strassen, Bahnen usw. mindestens ebenfalls 120 Millionen verausgabt werden. Im Ernst: werden die Initiatoren des Projektes jemals 240 Millionen aufbringen, um diese 20 000 Familien anzusiedeln? Und nun hofft man mit einem Male, die Milliarden zu finden, welche zur Gründung von zwei Staaten nötig sind? Man braucht kein Wort darüber zu verlieren: einer solchen Riesenleistung an Geld, an tauglichem Kolonisationsmaterial, an tauglichen Führern und Ö ' Ö Organisatoren auf allen Stufen des sozialen Gebäudes, an Begeisterung und Tatkraft ist jen^r Teil des jüdischen Volkes, welcher an der Emigration und an den Kolonisationswerken überhaupt ein Interesse nimmt, absolut nicht fähig. Die Begründung eines jüdischen Gemeinwesens bedeutet unbedingt das Aufgeben der Arbeit an dem anderen. Ich spreche hier selbstverständlich nicht von kleinen Ansiedelungen, deren ein Dutzend an verschiedenen Punkten entstehen kann, sondern von einer grossen nationalen Neubildung. In diesem Sinne wäre Ostafrika entschieden das Ende von Palästina. 8. Aber man sagt uns: wir wollen in Ostafrika nur ein Nachtasyl gründen, eine Sammelstation für die verfolgten Juden, eine nationale,