Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 2 (1903-1904)
- Issue
- Heft 3-6
- Article
- Das jüdische Kolonisations-Programm
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 177 — Das türkische Reich ist ein in politischer Umgestaltung begriffenes Gebilde. Wir wollen nicht so weit gehen, wie philozionistische Politiker anderer Völker, welche, wie jüngst Sir Harry Johnston, bereits den baldigen Zusammenbruch der Türkei voraussehen und erklären: bei diesem Zusammenbruch würde Palästina den Zankapfel für die Grössmächte bilden; gerne wird man es den Juden überlassen, um dieses schwierige Problem zu lösen, ohne dass eine der Grossmächte bevorzugt wäre. Die Unabhängigkeit Palästinas wäre dann ebenso und aus ähnlichen Gründen gesichert wie die eines anderen kleinen Freistaates, der Schweiz. Wir, sage ich, wollen diese Eventualität heute gar nicht in Erwägung ziehen, weil wir keineswegs die Sprengung, den Zusammenbruch des türkischen Reiches anstreben. Uns genügt eine andere, viel nähere Aussicht: bei. dem fortwährenden Flusse der Dinge auf dem Balkan erscheint es auch dem nüchternsten Politiker durchaus nicht unwahrscheinlich, dass die Erteilung der Autonomie in gewissen Grenzen an ein jüdisches Palästina, welche heute dem Sultan unzulässig vorkommt, in relativ kurzer Frist ihm oder seinem Nachfolger mit den türkischen Interessen sehr wohl vereinbar erscheinen wird. Und dass ein solcher Akt schon unter der türkischen Oberherrschaft die Billigung aller Mächte finden würde, daran können wir nach der bisherigen Stellungnahme derselben nicht zweifeln. Auf diesen Moment aber müssen die Juden sich vorbereiten, dieses Ziel müssen sie stets vor Augen haben und seine Erreichung zu beschleunigen suchen, nicht indem sie ihre kolonisatorische und staatenbildende Tätigkeit einem ganz anderen Kontinent zuwenden, sondern indem sie dieselbe auf Palästina und die Nebenländer konzentrieren und auf diesen Gebieten — ausschliesslich auf diesen Gebieten — planmässig entfalten. 5. Und hier tritt die eminente politische Bedeutung der allmählichen Besiedelung des palästinensischen Länderkomplexes hervor. Zwei grosse politische Maximen, die durch viele Beispiele in der Weltgeschichte erhärtet sind, sprechen für dieses System. Die erste lautet: Nur eine zähe, eiserne, unverrückt auf ein Ziel losgehende Politik hat Aussichten auf wirklichen Erfolg. Sie erreicht diesen Erfolg zumeist erst nach Jahrzehnten, oft nach Jahrhunderten, aber er ist sicher, er ist unausbleiblich. Eine Politik hingegen, welche ein grosses Ziel mit spielender Leichtigkeit, gewissermassen im Handumdrehen erreichen * möchte und, sobald die Erfoge ausbleiben, rasch entmutigt sich anderen Zielen zuwendet, eine Politik nervöser Ungeduld und Unbeständigkeit kann niemals zu einer epochalen, historischen Tat führen. 5