Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 1 (1902)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1902)
- Article
- Über den Nutzen einer theoretischen Vorbereitung der Palästina-Kolonisation
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 105 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2379786-2379787-2379791-2380407--00228-2380460- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 105 — Palästina gehen wollen, tant bien que mal fortgeführt werde, und man ist der Ansicht, dass alles, was nach Wissenschaft und Theorie riecht, einem praktischen Werke nur schaden könne. Dieses Vorurteil muss endlich überwunden werden, wenn die -künftige Kolonisation, sei sie nun industrieller oder landwirtschaftlicher Art, auf neue, eriolgreichere Bahnen gelenkt werden soll, und wenn die geplante Palästina-Expedition nicht, wie so manche bisherige Unternehmung, durch das Uebermass des Praktischen — unpraktisch werden soll. * * * Was ist Wissenschaft? Nichts anderes als die gesammelte Erfahrung aller Völker und Zeiten, die übersichtlich geordnete Quintessenz der Praxis. Und man muss bedenken, dass es sich, bei der Kolonisation von Palästina nicht um ein wirtschaftliches Unternehmen gewöhnlicher Art handelt, das sich im Rahmen einer alten Kultur von leicht übersehbaren Verhältnissen zu entwickeln hätte. Es geht um universelle Neugründungen auf ganz unbekanntem Gebiete, um Gründungen, bei denen die Verhältnisse der Weltproduktion mit in Betrachtung gezogen werden müssen. Dazu nun reicht der simple praktische Sinn keineswegs aus; bei einem solchen Werke muss die Wissenschaft mit ihrem weltüberspannenden Horizont, mit ihren reichen, vergleichenden Erfahrungen zu Rate gezogen werden. Es lässt sich an einem einzigen Beispiele schlagend darthun, warum es so unendlich wichtig ist, dass die Expedition, wenn sie veranstaltet wird, nicht nur von Praktikern, sondern auch von Männern der Wissenschaft beraten werde. Als Baron Rothschild an sein grosses Kolonisationswerk ging, da hielt er sich nur an die Praktiker. Diese rieten ihm, in den Kolonien ausschliesslich Wein zu züchten, weil damit ein ausgezeichnetes Exportgeschäft zu machen sei. Mit diesem schlauen, praktischen Rat hat man sich wirtschaftlich in eine Sackgasse verrannt, aus der man jetzt, dank erneuten Anstrengungen, hoffentlich glücklich herauskommen wird — aber der Rat war darum doch nicht minder verhängnisvoll gewesen. Hätte Baron Rothschild bei der Gründung seiner Kolonien auch einen praktischen Agrarpolitiker zu Rate gezogen, der die Verhältnisse aller Länder übersieht, so hätte dieser ihm gesagt: Wenn man einen gesunden Kleingrundbesitz schaffen will, so muss man seine Existenz vom Markte möglichst unabhängig machen, denn die Agrarkrisis ist nur eine Folge der Produktion für den Markt. Man muss dafür sorgen, dass die Leute zunächst das produzieren, was sie für ihren Lebensunterhalt brauchen, und dass ihre Wirtschaft möglichst vielseitig sei. Für den Markt können sie dann daneben das Eine und das Andere erzeugen; wenn sie diese Artikel nicht absetzen können, so dürfen sie hierdurch nur in ihrem Komfort, nicht aber in ihrer Existenz getroffen werden; und vor allem müssen sie sich in der Produktion den veränderten Konjunkturen des Weltmarktes anpassen können. Ihre Wirtschaft darf nicht derart geführt sein, dass 2