Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 1 (1902)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1902)
- Article
- Ein Blick auf die gegenwärtige Lage der Kolonien in Palästina
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 96 (sequence 2)
- Language
- German
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— 96 — leuten. Fast kann man behaupten, dass die Schwierigkeiten für Verwaltungsunternehmungen in einem Lande mit so verwickelten Formalitäten, wo Mangel an Beamten, Bureaukratie und besonders an persönlichem Interesse vorherrscht, noch grösser sind. Nichtsdestoweniger sind wir weit davon entfernt, an dem Erfolge einer Kolonisation in Palästina zu verzweifeln. Nein, man kann ganz einfach die Fehler und Vorzüge vergleichen, die uns eine Erfahrung von 20 Jahren zeigt, und als sichere Basis gewisse Unternehmungen annimmt, deren Erfolg ein ganz unzweifelhafter ist. Selbst hier würde ein persönliches Unternehmen mehr Aussicht auf Erfolg bieten als das einer Gesellschaft. Es ist indessen schwerer, einen Einzelnen zu finden, der in ein solches Unternehmen grösseres Kapital hineingeben und selbst mit Hand anlegen würde. Andererseits haben Gesellschaftsunternehmungen trotz der verschiedensten Nachteile den grossen Vorzug, über beträchtliche Kapitalien zu verfügen und alles mehr im Grossen zu führen, ausserdem aber eine fachmässige und urteilsfähige Verwaltung zu haben. Nur solchen Vereinigungen ist es erlaubt, etwas ohne persönliche Leitung zu unternehmen (vielleicht mit Ausnahme von einigen Grosskapitalisten und einigen Vertrauensmännern). Welches sind nun die Unternehmungen, welche man empfehlen könnte, und inwiefern könnte man eine Privatinitiative unterstützen? Die erste Frage im Detail zu beantworten, ist Sache der Agronomen. Im Allgemeinen jedoch können nach unserer Ansicht als empfehlenswert bezeichnet werden: 1. landwirtschaftliche Grossbetriebe in geeigneten Gegenden und unter Mitberücksichtigung bereits bewährter Baumpflanzungen, wie Oel-, Granat- und Mandelbäume, 2. Orangengärten, 3. in einigen Gegenden (z. B. in der Nähe von Jerusalem) Weingärten in massiger Anzahl, welche mehr zur Gewinnung von Rosinen als zur Weinfabrikation dienen sollen, 4. Gemüsekulturen in der Nähe der Städte. Ein Freund, welcher uns vor einer Wertüberschätzung gegenüber palästinensischen Projekten warnen will, spricht die Befürchtung aus, dass innerhalb weniger Jahre die Orangen viel von ihrem Wert auf dem Weltmarkte verlieren könnten, wie es bei dem Wein der Fall war. Dieser Vergleich entbehrt jeder Berechtigung. Vom mathematischen Standpunkt aus ist natürlich alles möglich. Aber es ist nicht mehr Grund, an den künftigen Absatzmöglichkeiten der Palästina-Orangen zu zweifeln, als an dem künftigen Wert des russischen Getreides, wobei noch der Unterschied in Betracht kommt, dass Russland immense Quantitäten für einen verhältnismässig beschränkten Markt produziert, während Palästina nur sehr geringe Mengen auf den Weltmarkt bringt, wo das ganze Quantum von Palästina-Orangen wie ein Tropfen verschwindet. Ohne nun in diesem kurzen Ueberblick die Frage im Detail behandeln zu wollen, möchten wir bemerken, class in der Regel Leute, die im Lande wohnen, die Verhältnisse besser kennen und dadurch bezüglich individueller Unternehmungen sehr im Vorteil sind: während Leute, die im Auslande leben oder anderen Beschäftigungen nachgehen, mehr Interesse daran haben, zu Genossenschaften zusammenzutreten. So können sie ihre Unternehmungen in grösserem Maassstabe