Palästina
- Journal
- Palästina
- Volume
- 1 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Die wirtschaftliche und kulturelle Wirksamkeit der Juden in Palästina un den Nachbarländern
- Date
- 1902-02-01
- Page
- Seite 54 (sequence 4)
- Language
- German
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— 54 - Und wer die Schwierigkeiten erwägt, mit welchen andere Völker auf diesem Felde zu ringen gehabt haben, wer sich davon überzeugt, wie lange selbst Länder, die heute als Musterkolonien gelten, gebraucht haben, um die vielen Hindernisse, welche den Anfängen jeder Kolonisation entgegenstehen, zu überwinden, der wird an die gegenwärtigen jüdischen kolonialen Bestrebungen einen gerechten Maassstab anlegen. Die jüdische Kolonisationsgeschichte ist noch sehr jung. Unsere ersten Kolonisationsbestrebungen, die einen Nationalwillen voraussetzen, und überhaupt einen durchaus nationalen Charakter tragen (und mit diesen haben wir hauptsächlich zu rechnen!), beginnen erst im x\nfang der 80er Jahre. Zwar fehlte es auch früher nicht an Kolonisationsversuchen, die aber meist privater Natur waren, und denen mehr oder weniger religiöse oder rein ökonomische Motive zu Grunde lagen. So finden wir schon in der zweiten Hälfte der 50er Jahre (abgesehen von einzelnen Ansiedlungen von Juden durch englische Missionsgesellschaften am Ende der 40er) eine jüdische Niederlassung, die aus eigener Initiative zu stände gekommen ist. Und zwar waren es Juden aus Marokko.3) Es kamen nach Palästina ungefär 30 Familien, die sich in Schefa-Ammer, einem grossen Dorfe in fruchtbarer Gegend in Galiläa, zwischen Akka und Nazareth gelegen, niederliessen, um da als Landleute sich dem Ackerbau zu widmen. Als türkische Unterthanen erwarben sie sich Grundeigentum und kultivierten Getreide und dergleichen. Allein nach und nach gaben sie diese Beschäftigung wieder auf, und ihre Kinder haben sich in die kleine naheliegende Seestadt Kaipha zurückgezogen, wo sie nun in Handel und Gewerbe thätig sind. Dieser Kolonisationsversuch ist also misslungen. Im Anfang der 60er Jahre beginnt die Einwanderung der Juden in Palästina zuzunehmen, aber sie wählen alle als ihr Reiseziel Jerusalem, „die heilige Stadt", und kommen hier nicht in Betracht. Ein zweiter Versuch, der auch reiche Erfolge erzielte, und als Grundstein der ganzen jüdischen kolonialen Entwickelung zu betrachten ist, ist im Jahre 1870 zu verzeichnen: Die Gründung der Schule „Mikweh-Israel" durch die Alliance Israelite. Die Alliance hat mit vieler Mühe erwirkt, dass ihr ein grosses Stück Land, 1/2 Stunde östlich von Jaffa, an der Jerusalemer Strasse gelegen, zur freien Benutzung überlassen werde, um da eine Ackerbauschule für jüdische Jünglinge zu errichten, was denn auch geschehen ist. Eine Musterfarm schliesst sich bekanntlich an die Schule an. Ein dritter Versuch, der aber genau wie der erste fehlschlug, ist im Jahre 1878 zu verzeichnen. Mehrere Jerusalemer Juden, denen der degenerierende Einfluss der Chaluka endlich zum Bewusstsein kam, beschlossen, Grund und Boden anzukaufen. Die Kolonisten Hessen sich jedoch unglücklicherweise zu nahe an den Flüssen und Sümpfen nieder. Die Abzugskanäle waren nicht wieder geöffnet, und das Trinkwasser erwies sich als stagnierendes Sumpfwasser. Krankheiten nahmen daher bald überhand und wirkten verheerend. Viele von den Kolo- 3) C. Schick: Der gegenwärtige Stand der Kolonisationsversuche in Palästina (1883).