Mitteilungen aus dem Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland
- Journal
- Mitteilungen aus dem Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland
- Volume
- 1898
- Issue
- Heft 5 (März 1898)
- Date
- 1898-03-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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22 zu finden. Es sollten daher auch die Verwaltungen der Gemeinden den Vereinen für jüdische Geschichte und Litteratur ihr ganzes Interesse zuwenden und ihnen moralische und materielle Unterstützung angedeihen lassen denn die jüdischen Gemeinden sollen wiederum werden, was sie einst gewesen, die Pflanz- und Pflegestätten jüdischen Wissens und jüdischen Schristthums, wo durch die Litteraturvereine Tausende von Saaten ausgestreut werden, die zu den herrlichsten Früchten unerschütterlicher Anhänglichkeit an das Judenthum, liebender Werthschätzung der überkommenen geistigen Güter und pietätvoller Verehrung Israels Geistesheroen ausreifen sollen. Verehrte Damen und Herren! Ich habe vorhin den unschönen Charakterzug unseres Stammes, der in dem Worte typisch zum Ausdruck gelangte, die Nachäfferei fremder Dinge, wiederholentlich tadelnd betont. Kann man diesem Worte auch eine empfehlende Seite abgewinnen? Ganz gewiß! Alles Gute, Schöne, Nützliche, Fördernde, was wir bei Anderen sehen, wollen auch wir üben; wetteifern wollen wir in edlem Streit, wo es gilt menschenfreundliche und menschenliebende Werke zu schaffen; auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft, der Kultur und Civilisation, des Handels und des Gewerbes wollen wir alle unsere geistigen und moralischen Kräfte in den Dienst des großen Ganzen und Gemeinnützigen stellen; das Wohl des Vaterlandes und des Staates soll uns, wie allen Staatsbürgern, lieb und theuer sein; eingreifen wollen wir in die Speichen des Zeitrades und es fortbewegen helfen; nur in einer Richtung gehen wir unseren eigenen Weg, das ist der Weg, den uns unsere Religion vorzeichnet, der Weg, den unsere Vorfahren seit Jahrtausenden gegangen, der Weg, der vom Horeb, dem Gottesberge, seinen Ausgang genommen; wir schauen nicht verehrend hinauf zum Galgottaberg, sondern zur Sinaihöhe, dorthin, von wo unser erster und letzter Lehrer Moses uns jenes kostbare Gut gebracht, die Thora, die wir werthschätzen und Hochhalten und auf unsere Kinder vererben sollen; hier giebt es kein btt* kein Miteinandergehen, sondern nur ein Nebeneinandergehen. Lassen Sie mich zum Schluß Ihnen noch ein schönes Midraschwort mittheilen. Als Jakob sich mit seinem Bruder Esau ausgesöhnt hatte, meinte dieser, „komm, laß uns jetzt aufbrechen und Zusammengehen", aber Jakob erwiederte, „nicht doch, ziehe du nur voran, ich muß langsam gehen und Schritt halten mit der Arbeit, die noch vor mir liegt, und mit den Kindern, die bei mir sind; später komme ich zu d r nach Seir". Zu dieser Schriftstelle bemerkt der Midrasch: „Rabbi Abahu sagte: ich habe die ganze Heilige Schrift durchgelesen und fand nirgendwo, daß Jakob zu seinem Bruder Esau nach Seir gegangen wäre; wie, sollte Jakob sein kurz nach der Aussöhnung gegebenes Wort nicht gehalten haben? In der That, Jakob ist noch nicht mit seinem Bruder zusammengetroffen, aber das wird noch in der Zukunft geschehen, denn es heißt beim Propheten Obadja: „Die Geretteten vom Berge Zion werden zum Ausgleich hinan ziehen den Berg Seir, dann aber wird auch Gott allein König über die ganze Erde sein." So tief, so wahr