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Mitteilungen aus dem Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland · 1903-12-01 · Heft 11 (Dezember 1903) · p. Seite 10

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Journal
Mitteilungen aus dem Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland
Volume
1903
Issue
Heft 11 (Dezember 1903)
Article
Verbandstage der Literaturvereine
Date
1903-12-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 die jene Freiheit im Gefolge gehabt hat, im Abnehmen begriffen. Unsere „höheren" Schüler ergreifen heute meist die Gelegenheit, sich Kenntnisse über Juden und Judentum anzueignen; sie sind denn auch später in der Lage, sich selbst weiter zu bilden, sich aus Büchern u. s. w. zu informieren. Schwerer wird das alles unfern Zöglingen aus Volks- und Mittelschulen. Sie erwerben zwar achtungswerte Kenntnisse, aber es ist nach Form und Inhalt Kinderlehre, Gedächtnisstoff; es sind feste Ergebnisse und unumstößliche Antworten. Die Probleme, die Kultur- und Entwickelungsfragen mußten verbannt bleiben; für literarische, künstlerische, ethische oder soziale Menschheitsfragen, kurz für Kritik und Verselbständigung war kein Platz. Das alles ist auch erst nach dem 14. oder 15. Lebensjahre angebracht und sollte die zweite Lernperiode, die mindestens bis zum 21. Jahre reicht, beherrschen. Da kann man erst wahres Verständnis, innere Anteilnahme, kräftiges Erfassen so schwieriger Gegenstände verlangen und erwarten. Und da gerade soll die erste, sorgfältige Pflanzung ohne alle Pflege bleiben, soll nichts dafür geschehen, um aus den Elementen einen Bau zu errichten, der seine Widerstandskraft fürs ganze Leben bewähren kann? Hier können die Literaturvereine durch die Fortbildungskurse, die man für Rechnen, Geschichte, Naturkunde u. s. w. für selbstverständlich hält, noch eine große Aufgabe erfüllen. Wenn es wahr ist, daß der Mensch sich am Menschen emporrankt, so gilt das besonders für das reifere Jugendalter, wo der Mensch bewußt und sehnsüchtig nach Vorbildern und Wegweisern ausschaut. Da kämpft der Verstand die härtesten Kämpfe, da kommen die Zweifel und die Schwankungen, da ringt man nach Festigkeit. Unsere jüdische Geschichte und Literatur ist aber eine mächtige Schule des Charakters. Volk und Einzelgestalten jener Geschichte sind garnicht anders zu erfassen, die Ideen aber, die in ihnen und in unserm Schrifttum herrschen, sind gleichsam lebenerhaltend, tief ethisch und voll reinster, erhabenster Gott- und Weltanschauung. Das gerade brauchen wir, das brauchen heut' unsere jungen Leute mehr denn je, um nicht in einem rücksichtslosen Erwerbs- und ebenso rücksichtslosen Genußleben aufzugehen. Vom Standpunkt des Judentums aus schlagen wir so den jungen Leuten die Brücke, auf der sie zu einer wirklichen Lebensgemeinschaft mit uns, dem reiferen Geschlecht, gelangen sollen. Vom Standpunkt der Literaturvereine erziehen wir uns in den Fortbildungskursen das Publikum für den Hauptverein und machen der Jugend die Idee der Literaturvereine so vertraut und unentbehrlich, daß wir wegen der Zukunft unbesorgt sein dürfen. Denn auch das liegt tief im Menschen: was ihn selbst erhoben und gekräftigt hat, das will er mitteilen, andern zu Gute kommen lassen.

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