Mitteilungen aus dem Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland
- Journal
- Mitteilungen aus dem Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 11 (Dezember 1903)
- Article
- Verbandstage der Literaturvereine
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 Von diesem Gesichtspunkte aus wird es wohl allgemeine Billigung finden, wenn wir hiermit den Vereinen eine Einrichtung empfehlen, die, als Zweig oder Ableger der Hauptvereine gepflegt, so recht geeignet erscheint, von der Güte und Lebenskraft des alten Stammes Zeugnis abzugeben: die Fortbildungskurse für junge Leute. Was wir meinen, sowohl grundsätzlich, als im Einzelnen, erledigt sich am besten mit folgenden Fragen: Welche Bedeutung sollen die Kurse neben dem Hauptverein haben, und für wen sind sie vorzüglich gedacht? Ferner: Wie soll ihre innere Ausgestaltung beschaffen sein; endlich, welche äußere Organisation können sie erhalten? Was das Erste betrifft, so ist klar, daß sich unsere Vereinsvorträge zunächst an das Publikum der Erwachsenen wenden. Dev Ton der Vorträge, die Wahl der Themen, die abwechslungsreiche Rednerliste, alles ist darauf angelegt, unsere mitten im Leben stehenden Glaubensgenossen für einige Abendstunden zur Mitarbeit oder zum Mitgenuß an unseren idealen Gütern heranzuziehen. Sie sollen da jedesmal einen Vortrag hören, der ihnen ein ausgeführtes Zeit- oder Lebensbild, eine abgeschlossene Geschichts- oder Literaturepoche im Grundriß bietet; endlich auch wohl eine aus Wissenschaft und Leben geschöpfte Frage beantwortet. Solche Vorträge schließen sich wie eine Art Mosaik langsam zusammen; indem jeder von dem Seinen hinzuträgt, schafft er sich selbst die nötigen Verknüpfungen und Beziehungen und wird das Gehörte auch zu verwerten wissen. — Junge, eben erst heranreifende Leute brauchen aber etwas Anderes. Sei es, daß ihr Interesse überhaupt erst geweckt werden muß, was zu leisten ' gewiß verdienstlich ist, oder daß sie nachdenkliche, tiefer angelegte Naturen sind, so verlangen sie nach Aufklärung gerade über die Anfänge und Urbegriffe, wollen dann eine Entwicklung langsam wachsen, und jede Erscheinung am rechten Platz und zur rechten Zeit kennen lernen. Dafür sollen die Fortbildungskurse sorgen. In ihnen soll ein methodisches Verfahren, ein anderes Tempo, ein bestimmteres Lehrziel herrschen. — Ob unsere Jugend einer Fortbildung in jüdischem Wissen überhaupt bedarf? Wer möchte das zu verneinen wagen? Allerdings sind Unterschiede vorhanden. Für die Schüler und Schülerinnen höherer Lehranstalten ist in den letzten 10—15 Jahren viel getan worden. Es giebt da einen Religionsunterricht, der meist bis zum Schulziel, bis zur Oberprima und zur Selekta reicht. Leider ist er nur bis zum 14. Lebensjahr obligatorisch, und glaubt heute noch eine Anzahl unserer Wortführer nicht, daß „Bildung frei macht", sondern Freiheit Bildung schafft. Glücklicherweise ist die erschreckende Unwissenheit,