Mitteilungen aus dem Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland
- Journal
- Mitteilungen aus dem Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 11 (Dezember 1903)
- Article
- Verbandstage der Literaturvereine
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2378030-2378041-2378042-2378489--0459-2378515- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8 Berlin haben von einem Erkalten des Interesses an den Literaturvereinen nichts bemerkt. Im Gegenteil, ich kann es mit Stolzbehaupten, wir haben hier noch niemals solchen Zuspruch gehabt wie in diesem Winter, und auch unsere Jahresbeiträge sind noch niemals so groß gewesen seit dem elfjährigen Bestehen des Vereins. Ich habe auch in den anderen Vereinen von einem Erkalten des Interesses nichts gemerkt. Sollte es der Fall sein, so muß ich es dahingestellt sein lassen, an welchen Faktoren das liegt. In sehr vielen Fällen ist das Erkalten des Interesses die Schuld der Leiter der Vereine, in anderen Fällen mag es an lokalen und provinziellen Gründen liegen. Die Teilnahme wird aber noch mehr erkalten, wenn wir nicht nach Mitteln suchen, den Mitgliedern Neues und Dauerndes zu geben. Unsere Vereine bestehen eigentlich nur sechs Monate im Jahre. Das ist ein Fehler. Wir müssen darauf bedacht sein, die Mitglieder dauernd zu fesseln. Auch im Sommer müssen wir ihnen Gelegenheit geben, an den Arbeiten des Vereins teilzunehmen. Das muß geschehen erstens durch die Lektüre. Die Mitglieder müssen auch lesen können über das, was die Vortragenden ihnen im Winter aus unserer Geschichte gegeben haben. Das andere sind die Diskussionsabende, die sich in vielen Vereinen erprobt haben. Und endlich das Wichtigste sind die Fortbildungskurse, über die Sie ein ausführliches Referat von Dr. Samuel hören werden. Diese Punkte sind wohl imstande, das Interesse an unseren Vereinen wieder zu beleben, und da, wo es stark ist, noch mehr zu heben. Ich habe nur die eine Bitte: Suchen Sie nach neuen Mitteln, um den Verband zu heben und zu kräftigen! In unmittelbaremAnschluß daran erhielt Rabbiner Dv. Samuel- Essen das Wort zu seinem Referat über die Einrichtung von Fortbildungskursen: Geehrte Herren! Wenn neuerdings von so manchen Literaturvereinen über abnehmendes Interesse geklagt wird, so mag das lokale Ursachen haben; allgemein oder innerlich berechtigt sind solche Klagen nicht. Die Aufgabe der Literaturvereine ist eine unerschöpfliche. Es war ja vorauszusehen, daß die erste Begeisterung Nachlassen, und die allzuvielen, die niemals laus sachlichen Gründen, sondern vom'Reiz der Neuheit gelockt, mitgetan hatten, abfallen würden. Darum muß die Arbeit von den Getreuen, für die jene ganze Bewegung keine bloße Tageserscheinung war, desto energischer fortgesetzt werden. Auch versteht es sich von selbst, daß wir im Laufe der Jahre unsere Tätigkeit revidieren, uns neue Ziele stecken und sie mit zweckdienlichen Mitteln zu erreichen streben, kurz eine Entwickelung von innen heraus nicht nur nicht scheuen, sondern sogar befördern.