Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 46 (14.11.1843)
- Article
- Stimmen und Urtheile über den Frankfurter Reform-Verein
- Date
- 1843-11-14
- Page
- Spalte 725-726 (sequence 3)
- Language
- German
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725 Votum des Rabb. L. Stein über den Fr. Reform-Verein. 726 alle diejenigen zu erkennen, die würdig seien, dm Strom zu überschreiten, welcher die neue Welt von der alten, den Sieger vom Besiegten trennt? Ihr sagt nicht, das ist unser Wekenntniß! daran halten wir fest! strömt herbei, ihr Gleichgesinnten, unser Heiligthum zu schützen! Ihr seid nicht, wie es Euere unabweisliche Pflicht war, da Ihr der Lüge und der Finsternis; entgegenkämpfen wollt, wahr und klar hervorgetreten, um mit unzweideutiger Offenlegung Euerer Tendenzen warme Anhänger zu gewinnen, die Euch von selbst zugefallen wären, sondern statt desien habt Ihr ausgesprochen: dies glauben wir nicht! daran halten wir nicht fest! und da Ihr wußtet, daß jetzt mehr sind, die nicht glauben, als die da glauben, so begehrtet Ihr weiter Nichts als Unterschriften, um statt Personen Namen, statt des Eifers Worte, statt der Sache einen leeren Klang zu haben! Und damit glaubt Ihr wirklich, das Judenthum zu fördern, der Reform Vorschub zu leisten? —- Gesetzt, es käme je zu einer Generalversammlung aller Vereinsmitglieder, deren recht viele in den elastischenUeberzugder drei Erklärungssätze eingegangen wären, würden sie nicht schnell wieder auseinanderstäuben, sodald der Verein an sie Zumuthungen stellte, worauf sie nicht gefaßt waren? Gesetzt, der Verein erklärte, er habe es nur auf den Talmud abgesehen, die biblischen Gebote wage er nicht anzutasten, wo sind die hochherzigen Männer auch unter seinen Gründern, welche der Einheit zu Liebe ihren entwöhnten Nacken unter das Joch der mosaischen Vorschriften beugen würden? Gesetzt aber, der Verein erklärte, er wolle auch von den bibilchen Geboten alle diejenigen in den Bereich seiner negirenden Kritik ziehen, welche nicht allgemein menschlichen Gehaltes seien, würde er sich nicht wieder Viele abwendig machen, welche nur in dem guten Glauben zu seiner Fahne schwören, man habe deshalb den Talmud als Zielscheibe in den Vordergrund gestellt, weil die Bibel heilig, unantastbar bleiben soll? Gesetzt endlich, der Verein erklärte, er begnüge sich einstweilen mit der Lossagung vom Talmud, es jedem einzelnen Mitgliede überlassend, mit der Bibel sich nach Belieben abzusinden, ei, wo ist dann wieder die Uebereinstimmung zwischen Leben und Lehre, wenn Ihr mit der Wahrheit hinter der Hecke haltet und das alte Spiel wiederholet, daß Jeder sich seinen Neligionskodex nach Belieben unfertige? Ist es nicht wieder die leidige Zweideutigkeit, welcher Ihr huldigt, -und habt Ihr das Uebel nicht verschlimmert, indem Euer Versuch, es zu heben, so traurig gescheitert ist? Und noch eine Frage! was glaubt Ihr, daß der Erfolg Euerer noch so gut gemeinten Vereinigung bei Eueren Kindern sein werde? Wir gestehen Euch zu, daß eine durchgreifende Reform vorzüglich im Interesse unserer Jugend zu wünschen wäre, damit diese ferner kein wankendes Rohr ohne feste Wurzel und sicheren Boden sei, damit sie nicht länger, hin- und hergeworfen zwischen Schule und Haus, dem Zweifel zum Spielballe diene, aber wird Euere Maasregec diesen Zweck erreichen? Nimmermehr! Ja, wenn Ihr dem Volke, wenn Ihr der Jugend etwas Sicheres darreichen würdet; wenn Euere Bestrebungen einen fruchtbaren Mittelpunkt hätten, um welchen ein wachsender Kern sich bilden könnte, dann wohl! aber mit Euerem zerstörenden Verneinungsgeiste^ was und wen hofft Ihr damit zu erbauen? — Bisher fühlte sich auch der Jude von der ' extremneuesten Richtung durch den Gedanken, einer großen, in ihrer äußeren Erscheinung noch einigen Gemeinde anzugehören, mit welcher er duldete, strebte, hoffte, mit dem Ganzen verbunden; es war das Gefühl einer ehrfurchtsvollen Liebe, welches ihn zu seinen Brüdern und zur gemeinsamen, altehrwürdigen Mutter hinzog; er glaubte, was er ihren allzustrenge scheinenden Geboten an Gehorsam entzog, durch sonstmögliche innige Hingebung wieder gut machen zu müssen; er fühlte sich noch eins mit dem Baumeder Religion, wenn gleich dessen äußerste Zweige für ihn keine Frucht mehr trugen. Gehet nur hin, zerreißet das Band der Einheit, welches uns bis heute noch umschlingt; werfet nur die Fackel der Zwietracht in das Haus Israel; entäußert euch nur aller Formen, welche des Iudenthnms ausscheidende Merkmale seit den Tagen seiner ersten Entstehung waren: ich will zugeben, daß Ihr selbst, des Eifers und der Ehre halber am väterlichen Glauben festhaltet, Euere Kinder aber, losgerissen vom gemeinsamen Stamme, dem geschichtlichen Boden entfremdet, ihre Vernunft und Nichts als ihre protestirende Vernunft zur Leiterin habend, ihr Judenthum null, die erinnernden Momente an dasselbe null, ihre Anhänglichkeit für dasselbe null, wohl werden sie Leben und Lehre bald in Uebereinstimmung bringen, sie werden das Nichts hingeben und sich dafür die materiellen Vortheile des bürgerlichem Lebens eintauschen. — Und sehet Euch doch in weiteren Kreisen um, Analogien werdet Ihr wohl zu unseren Zuständen, aber keine zu Euerem Beginnen finden. Bei wie vielen Tausenden von Christen ist ebenfalls Lehre und Leben in Widerspruch gerathen, es ist das gemeinsame Weh, woran die Kinder unserer Zeit leiden, aber ist man auf jener Seite in gemeinsame Vereinigung getreten, um das große Wort zu sagen, dies glauben wir nicht mehr? Strebt man dort nach einer Association, um seinen Ungeschmack an den Satzungen der Religion, an deren Stelle man gerade nichts Wohlschmeckenderes in Bereitschaft hat, mehr Verbreitung, seinem Nichtglauben mehr Mlat zu geben? — 2. Doch ihr erwidert, das Verhältnis; sei bei uns ein ganz anderes; uns drängen die bürgerlichen Verhältnisse zur religiösen Reform; der Christ mag die zu wünschende Beseitigung des Aberglaubens und kirchlichen Misbrauchs ruhig ad Graecas Calendas verschieben sehen: treten sie ihm doch nicht hindernd in den Weg; sind sie ihm ja kein Stein öffentlichen Anstoßes: uns aber seien die abgelebten Religionsformen eine auch bürgerlich drückende Last, ihre ausscheidenden Merkmale eine uns zum ewigen Vorwurfe dienende Aus- 46*