Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 46 (14.11.1843)
- Article
- Stimmen und Urtheile über den Frankfurter Reform-Verein
- Date
- 1843-11-14
- Page
- Spalte 723-724 (sequence 2)
- Language
- German
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Votum des RabL. L. Stein über den Fr. Reform-Verein. 724 723 geben. Ging die Bewegung im Hamburger Tempel von den Rabbinen aus, oder hat man über das neuzuredigirende Gebetbuch nur Einen von ihnen um Rarh gefragt? Dennoch standen die Gleichgesinnten aus ihrer Mitte keinen Augenblick an, das Gute an jener Anstalt öffentlich zu loben und wider engherzigen Fanatismus vereint anzukämpfen. Da aber, wo eine Bewegung ihres Zieles nicht klar zu sein, oder dasselbe sich außerhalb der richtigen Grenzen scheint gesteckt zu haben; da, wo ein Verein nicht Vereinigung, sondern Entzweiung, nicht ein Zusammenwirken, sondern ein Zersplittern, nicht den Frieden, sondern Zwietracht und Verdeben in unsere ohnedies so kleine Schaar zu bringen droht: da wird es ebenso heilige Pflicht, auch die misbilligende Stimme laut vernehmen zu lassen, das Volk vor dem ausgeworfmen Köder zu warnen, ein solches Beginnen durch Zusammenstellung seiner wichtig scheinenden Motive mit seiner nichtig erscheinenden Ausführung in seiner Blöße und Verwerflichkeit darzustellen, mag man uns dann auch Hindernde nennen statt Fördernde, ja, mögen uns am Ende beide Parteien verdammen, wenn wir unsere Ansicht schonungslos aussprechen. Wir können uns nur drei Gründe denken, weshalb redlichdenkende Männer, um aus dem jetzigen allerdings höchst trübseligen Zustande herauszukommen, sich zu einer Manifestation wie die vorliegende konnten bestimmen lassen. Sie wünschen, daß das Bekenntniß so vieler mit ihnen gleichdenkender Israeliten sich gemeinsam kundgebe, Leben und Lehre in Uebereinstimmung komme; sie wünschen, den Feinden der Emancipation, besonders solchen, die mit Bruno Bauer'schen Waffen auftreten, die Waffen zu entwinden und ihnen Israeliten zu zeigen, welche auf der Höhe der Zeit stehen; sie wünschen endlich, sich faktisch von der Gemeinschaft der Hyperorthodoxen loszumachen und ihren eigenen Weg zu gehen, da mit jenen unverträglichen Gesellen auf der Reise nimmer auszukommen wäre. Alle anderen Motive also, als die Sucht, sich einen Namen zu machen, das Verlangen, christlichen Bewegungsmännern mundgerecht zu reden, die Lust an Zank und Hader, da sie Gelegenheit geben, seinen Witz auszulassen, endlich den motivlosen Indifferentismus, dessen tobten Froschschenkeln diese Bewegung ein kurzdauerndes Scheinleben gab — bei Seite lassend, wollen wir nur die drei erwähnten Motive uns näher betrachten und sehen, ob ihnen durch den fraglichen Verein, resp. durch das Unterschreiben seiner drei Punkte entsprochen werden könne *)+ *)’ Während ich dieses kovirend nüderschreibe, erhalte ich endlich das längstverheißene Programm des Vereins, welches mir, sowie mehren befreundeten Amtsnachbarn von Seiten der Reformfreunde zugesendet wurde. Da nun vorliegende Arbeit bereits beendigt war und ich die darin entwickelten Ansichten und dem Vereine zu Grunde gelegten Motive in dem Programme nicht widerlegt, sondern im Gegentheile bestätigt fand, so wollte ich meinen Aufsatz nicht umändern, und werde ich am Ende desselben in einem besondern Nachtrag auf das mehrerwähnte Programm zurück- 1. Ihr wollt also das Bekenntniß so vieler Glaubensb rüder, die gleich mit Euch denken, zu einer anerkannten Wahrheit machen, daß Leben und Lehre endlich in Ueb ereinstiminung komme. Ein sehr löbliches Werk! und wie fanget Ihr dies gute Werk an? indem Ihr die Unterfertigung von dreien, ich will nicht sagen nichts sagenden, aber doch jedenfalls nein sagenden Sätzen zur Bedingniß des Eingehens in das neue Reich der Wahrheit aufstellet; wer mit Euch sein will, muß bekennen, daß er nicht an die ewige Verbindlichkeit der mosaischen Gesetze glaube, denn dies ist doch wohl mit dem Ausdrucke „einer unbeschränkten Fortbildung" eigentlich gemeint; daß er ferner nicht an eine mündliche Lehre glaube; daß er endlich nicht an einen Messias glaube. Kennt Ihr aber das alte Sprichwort nicht: ex nil fit nil: aus Nichts wird Nichts? Geht Ihr darauf aus, einen Verein von Nichtgläubigen zu stiften, fühlt Ihr nicht, daß der Tod der Stifter Eueres Wundes sei? wo ist je aus Verneinungen Leben, lebendige Bewegung hcrvorgegangen? Haltet Ihr biblisches Gebot, talmudische Satzung, messianische Lehre für nimmer zeitgemäß, gut! aber was erachtet Ihr denn für zeitgemäß und bleibend? Es scheint, Ihr seid verlegen oder unklar darüber, wie Ihr nur den Fo, das erhabene, stationäre Nichts der Chinesen auf den Thron zu setzen habet? Euer Verein, nicht wahr, soll doch ein jüdischer sein; aber um alle Welt, wo sind denn seine jüdischen Merkmale? Kann nicht auch der rechtgläubigste Christ oder Muhammedaner Mitglied Eueres Bundes werden, da er nur unterschreiben darf: er glaube an keinen zu kommenden Messias, er glaube nicht an den Talmud, er halte den Mosaismus für entwickelungsfähig? wobei er sich eine so „unbeschränkte" Entwickelungsfähigkeit denken mag, daß dieselbe einmal in sein eigenes Bekenntniß einmünden werde, Und einen solchen Verein wagt Ihr, einen „jüdischen Reformverein" zu nennen? Als Luther das große Werk der Kirchenreform stiftete, protestirte er wohl auch gegen die Autorität der Päbste und der Koncilien, allein er hatte einen Archimedischen Punkt gewonnen, von wo aus er die theologische Welt in Bewegung setzte und die bis dahin unbezweifelte Macht der Kirche aus ihren Angeln hob: dieser feste Punkt war die Bibel; sein- Werk war ein christliches Werk, denn das neue Testament war seine Unterlage. Er sprach nicht blos aus, was er nicht glaube, sondern auch was er glaube, und die vielen Tausende, welche des erlösenden Genius und des rechten Wortes sehnsüchtig harrten, sielen ihm jauchzend bei, denn sie wußten, was er wollte, daß sein Wille der Spiegel des ihrigen sei. Was aber thut Ihr dagegen, die Ihr das Schibbolet der jüdischen Reform glaubt gefunden zu haben, um daran kommen. — Wie ich höre, werden auch die erwähnten Amtsbrüder öffentlich antworten, was im Interesse der Reform von recht Vielen zu wünschen wäre. A. d. B.