Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1843-10-24 · Heft 43 (24.10.1843) · p. Seite 343

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 43 (24.10.1843)
Article
Die Juden in Italien
Date
1843-10-24
Page
Seite 343 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2360092-2360256-2360300-2370742--4043-2370775
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

343 vilegien wieder auf, weil die Feinde der Juden Geschrei darüber erhoben, doch scheint er das nur ungern gerhan zu haben«. „Der indulgente und zurückhaltende Ton dieses Gesetzes," sagt Dohm, „scheint das allgemeine und ausgezeichnete Ansehen zu beweisen, Ln welchem die Juden damals gestanden haben, und der ruhige Besitz dieser Freiheiten während eines Zeitraums von mehr als vier hundert Jahren kann wohl als ein sicherer Beweis gelten, daß sie sich derselben nicht unwürdig gemacht haben." Auch die Gothen bewiesen sich tolerant gegen die Juden, als sie sich Italiens bemeistert hatten. Theodorich ließ sie in dem friedlichen Besitz ihrer Vorrechte und erlaubte ihnen den Wiederaufbau einer von dem Pöbel zu Genua zerstörten Synagoge. Späterhin sah man sie in den Reihen der Armee des Belisar gegen die Gothen kämpfen. Mit dem Regierungsantritt Justinians aber erreichte die Sicherheit, deren die Juden bis dahin genossen hatten, ihr Ende. Seine Verweser waren ihnen Beschützer, ja fast Väter gewesen, deren Sanftmuth zuweilen von verderblichen Folgen war, indem sie den Juden ein keckes Wesen und einen Hochmuth einflößten, der sie den Rath der Klugheit aus den Augen setzen ließ. Der Verlust des Vaterlandes war noch zu neu, um ihnen die Hoffnung, durch einen Befreier wieder als Nation eingesetzt zu werden, ganz zu benehmen. Daraus sind unstreitig die Verirrungen und die Anmaaßungen hervorgegangen, welche als Waffen wider sie dienten und die die Anwendung von strengeren Maaßregeln gegen sie hervorriefen. Inzwischen weiset die Geschichte in Italien keine Thatsache nach, welche die übermäßige Strenge rechtfertigen könnte, die sie unter der Regierung Justinians erdulden mußten. Sie findet ihre Erklärung nur in dem religiösen Eifer, der so viele Jahrhunderte hindurch die Welt in Trauer versetzt und die Rechte der Menschheit erstickt hat. Justinian organisirte die Unterdrückung der Juden. Seine Gesetze, welchen er als Basis und Erklärung die Gerechtigkeit unterlegte, die er „einen festen und stetigen Willen, einem jeden das Seinige zu geben", nannte, und die Jurisprudenz, die er als „die Kenntniß w o n göttlichen und menschlichen D im g e n, die Kenntniß von dem, was recht und unrecht ist", desinirte, waren in soweit, als sie die Hebräer betrafen, ein wahrer drakonischer Codex. Sie dekretirten alle die Ungerechtigkeiten, alle die Unbilden, alle die Plackereien, welche in den folgenden Jahrhunderten auf wehrlosen Unglücklichen gelastet haben, und die das Haupt der Christenheit noch heutiges Tages wieder hervorsuchen und selbst mit Zusätzen vermehren zu müssen glaubt. Justinian schloß die Juden von allen bürgerlichen Aemtern aus und erklärte sie auf ewige Zeiten untüchtig, ohne sie deshalb von den Lasten zu befreien. Er beraubte sie aller Ehren, damit, wie er sagte, ihre bürgerliche Stellung eben so verworfen sei, als es mit ihrem Gemüth der 'Fall wäre. Vor Gericht wurden sie nicht als Zeugen gegen Christen zugelassen, wohl aber diese gegen sie. Der Gesetzgeber wirft sie unter den Abschaum der Gesellschaft, und erniedrigt sie in den Augen des Volkes, indem er sie mit den schimpflichsten Namen belegt. Die Eltern dürfen ihre zum Christenthum übergegcmgenen Kinder nicht enterben, wenn diese sich auch der größten Verbrechen schuldig gemacht haben: Alles zur Ehre der Religion! Aus dem Schooß der Gesellschaft herausgestoßen und gewissermaaßen außer dem Gesetz erklärt, mußten die Juden sich fortan daran gewöhnen, als Parias zu leben. Von da ab begründete sich eine tiefe Spaltung zwischen den Christen und Hebräern. Einerseits widersetzte sich der glühende Eifer eines neuen Glaubens, und andrerseits die durch die Proskription mt um so hartnäckiger gewordene Treue für den Kultus der Vorfahren einer Annäherung und Verschmelzung, die nie die Frucht von Gewalttätigkeit und Zwang sein kann. Doch wurden die Juden zum öfteren auch unter den Päbsten mit Milde und Mäßigung behandelt. Im siebenten Jahrhundert erwies sich Gregor der Große gerecht gegen sie. Er beschäftigte sich zwar, ebenso wie seine Vorgänger, mit ihrer Bekehrung; jedoch auf anderen Wegm. „Die Toleranz," sagte er, „ist das rechte Mittel, sie zum Glauben zu bekehren; durch Gewaltthätigkeit dürsten diejenigen, die durch Milde und Erbarmen zu zwingen gewesen wären, abgeschreckt werden." Diesen Principien getreu hatte er auch Abscheu vor den Verfolgungen, und hielt zu mehren Malen den Eifer nieder, von welchem mehre Bischöfe gegen die Juden beseelt waren; auch tadelte er es, daß ein getaufter Jude, um sich bei den Christen einzuschmeicheln, ein Kreuz und das Bildmß der heiligen Jungfrau in einer Synagoge aufgestellt hatte. Dahingegen nahm Gregor mit Recht strenge Maaßregeln gegen diejenigen, die sich mit dem Sklavenhandel befaßten. Das so gerechte als humane Verfahren eines so achtnngswürdigen Pabstcs hatte noch in späteren Jahrhunderten einen günstigen Einfluß aus das Geschick der Juden. Die Eroberung Italiens durch die Lombarden veränderte in der Lage der Juden, die reich und mächtig waren, nichts. Ost schlossen sich die Christen ihnen an, doch war diese Eintracht nicht von Dauer. Im Jahr 743 berief der Pabst Zacharias ein Koncilium nach Rom, welches über jeden Christen den Bann verhängte, der seine Tochter einem Juden zur Ehe geben würde. „Wie es im neunten und zehnten Jahrhundert mit den Juden in Italien gestanden hat," sagt Basnage, „das weiß man nicht. Das wird unstreitig aber seinen Grund darin haben, t>afr man vor den Unruhen und Kriegen, die damals dies Land heimsuchten, nicht an die Juden gedacht hat, das Beste, was ihnen wohl widerfahren konnte. Die Konsilien, die gehalten wurden, fanden cs nicht der Mühe werth, sich um die Juden zu bekümmern, und diesen wird das auch schon recht gewesen sein. Dem war jedoch nicht immer so."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.