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Der Orient · 1843-10-24 · Heft 43 (24.10.1843) · p. Seite 338

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 43 (24.10.1843)
Article
Königsberg: Dr. Lowositz über Juden und Judenemancipation
Date
1843-10-24
Page
Seite 338 (sequence 2)
Language
German
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338 Edle besteht - und das jüdische Volk besteht! Man spricht von edler Gesinnung/ und schmäht ein Volk, das in seinem unermeßlichen Unglück eben so sehr ein wissenschaftliches gewesen wie es ein kaufmännisches geworden, das wie kein anderes Volk wissenschaftliches Interesse selbst in seinen untersten Klassen nährte und förderte (vgl. Beil, zu Nr. 158 d. Königsb. Zeitung in dem Aufsätze: „die Juden der preußisch-russischen Grenze und der kais. Ukas vom 2>. Mai" das dort von den Juden in Polen Gesagte, was übrigens früher bis auf die neueste Zeit Herab von den Juden im Allgemeinen gelten konnte); ein Volk, dessen Kaufleute Gottesgelehrte, dessen Gpttesgelehrte die Aerzte und Philosophen Europa's waren; ein Volk, das dem christlichen Europa arabische Wissenschaft und mit diesem zugleich die kostbaren Reste griechischer Wissenschaft licher Kultur überlieferte, und für den Bau christlich-europäischer Wissenschaft der Eckstein ward. (Hier könnte man den Verf. auf jede allgemeine Literaturgeschichte verweisen; aber der Vers, will nicht Worte, er will Thaten!) Und das Volk, das durch die ganze schwach- und unheilvolle Zeit hindurch den Glauben seiner Väter, die Quelle seiner Drangsale, nicht verließ, sollte nicht ein ehrenhaftes, und der Jude, der heute noch, bei dem erhöhten Selbstgefühl, wie es überhaupt unserer Zeit eignet, bei dem tief gefühlten Schmerz über die in ihm gekränkten Rechte, lieber stines Glaubens wegen Verachtung und Mangel erträgt, lieber auf den Glanz der äußern Stellung , auf die Lebensfreudigkeit eines entsprechenden bürgerlichen Wirkungskreises verzichtet, als daß er mit einem Bekenntnisse gegen seine Überzeugung sich die Bahn zu Aemtern und Ehrenstellen, zu glanzenden und behaglichen Lebensverhältnissen oder auch zur Erweiterung seines Geschäftsbetriebs öffnete, er sollte nicht ehrenhaft fein? Und der Jude, der in Zeiten, wo das bedrängte Vaterland seiner bedarf unter den Waffen wie auf der Wechselstube die wärmste aufopferndste Hingebung bewährt (wie einestheils gegenwärtig wieder die amtliche Untersuchung über die preußisch-jüdischen Kämpfer des Befreiungskrieges zeigt), und der Jude, der seinen kleinen Kaufladen mit wachsamer Emsigkeit und mit dem wachsenden Vertrauen der stets sich mehrenden größtentheils christlichen Kunden aUmälig zu einem weit umfassenden, großartigen Handels-Etablissement erweitert, er wäre nicht ehrenhaft? Kann aber noch eine solche Behauptung, wie die des Verfassers, auf eine Widerlegung Anspruch machen? Was wäre denn hier eigentlich zu widerlegen und nicht geradezu mit aller Entrüstung des empörten Gefühls zu leugnen? Wo sind die Gründe, die hier zu widerlegen waren; denn eine Widerlegung kann doch nur gegen Gründe gerichtet sein? Der Verft weise denn nach, daß bei „dem großen Theile der Juden" die Fälle der Trunkenheit und Unmäßigkeit, der Unkeuschheit, die Fälle der zerrütteten Ehe und eines verwilderten, entarteten Familienlebens relativ häufiger seien,. als sonst. Er weise nach, daß die Zahl der gefallenen Mädchen, der Verbrecher, bei den Juden die relativ größere sei, er erweise das Gegentheil von den glänzenden Zeugnissen, die auch in der neuesten Zeit den Juden in verschiedenen europäischen Staaten, als die Gelegenheit es forderte, gegeben werden, und man hätte ihm Rede zu stehen. Daß bei dem unseligen Einflüsse der bisherigen Abschließung der Juden selbst von der Gewerbthätigkeit, unter den jüdischen Proletariern, denen in ihrer Jugend die bürgerlichen Gewerbe und jeder anständige Nahrungszweig, der Kleinhandel ausgenommen, gar nicht zugänglich war, die Jnkulpaten des Betrugs und Diebstahls pielleicht hier und da einmal unter bestimmten Lekalverhältnissen häufiger sind, kann hier nicht im Entferntesten in Anschlag gebracht werden. Doch genug davon! Es soll auch die Behauptung des Verf's. in der ganzen Ausdehnung, die er ihr giebt (es müßte dann auch von Aerzten, Lehrern, Gemeindebeamten w. die Rede sein) hier nicht verfolgt werden, und bei den schätzbaren Ansichten und Wünschen des Verf's. in Bezug auf die Juden, die er sonst zu erkennen giebt, mag diese unbewachte Äußerung immerhin als eine höchst auffallende Verirrung etwa in Folge zu rascher Schlüsse aus einseitiger vereinzelter.Erfahrung, wie man sie von jeder Gesammtheit machen kann, auf sich beruhen. Noch einmal sagt der Verft, daß „im Durchschnitt der Jude nicht zu demselben Edelsinn mit dem gleichstehenden Christen sich erhebt." Selbst von den heftigsten Gegnern der Juden oder der Judenemancipation wurde nie etwas der Art auf das wärmste Lob, das man den Juden bei solchen Gelegenheiten rrtheilte, erwiedert. Es mag dem Verfasser die kleine Eitelkeit, den christlichen Edelsinn über den jüdischen zu stellen, unverkümmert bleiben; und um so weniger darf man etwas dagegen haben, wenn dieses hier dem Vers, etwa dogmatisches Bedürfniß wäre. Aber auch außerdem ist der Verft bei diesem Punkte vor jedem Widerspruch der Vernünftigen sicher, denn nichts bekämpft man vergeblicher als — den Dünkel. Ein anderes Hinderniß her unbedingten Emancipation ist dem Verft die Meinung des Volks, die er in den nächsten Zeilen phantasiereich genug als „Ungeheuer des Volkshasses" näher bezeichnet. „Die Stellen im .Magistrat kann ein jeder Jude erlangen, wie selten aber erwählt ihn das Zutrauen seiner Mitbürger!" Wie naiv! als wenn, immer nur ausschließlich das Zutrauen die Wahl bestimmte, als wenn immer und überall nur das Richtige erfaßt, immer nur das Weste, das Angemessenste vollführt würbe, als wenn es eine Sache wäre, die sich bei den Gemeindeherathungen, kleinerer und größerer Städte von selbst verstünde, daß ein jeder der Wahlbefahigten vor Allem bei der Wahl von jedem religiösen Unterschied absehe, wenn auch die Staatsgesetze durch ihr Beispiel gerade das Gegentheil lehren, daß er, um es kurz zu sagen, hierbei sofort den „Juden" über den einsichtsvollen ehrenwerthen Bürger vergesse. Und wie? wenn es gelänge dem zu der Stelle befähigten und würdig befundenen Juden einen Christen von gleichen Eigenschaften an die Seite zu stellen? Wenn es gelänge, denn wer möchte daran zweifeln, daß man mindestens jedesmal die kleine Mühe des Suchens nicht scheuen werde, gewiß wird dann wohl Niemand dem christlichen Edelsinn, nach

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