Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 41 (10.10.1843)
- Article
- Talmudische Exegetik
- Date
- 1843-10-10
- Page
- Spalte 643-644 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/8555529-9897774-9897930-2370642--3163-2370667- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
64B Ueber die Libl. Auslegungen des Talmuds von M. Schwarzauer. 644 untersuchen übrig, wie sich seine rein philosophische Lebensanschauung , seine allgemeinen Lehrgrundsätze zu seiner biblischen Begründung der Halacha, seiner Auffassung des Toratextes zur Ausgleichung mit dem religiös-praktischen Leben verhielt. Seine Vorliebe für allgemeines Wiffen, wodurch er unumwunden zu erkennen gegeben, daß religiöse Studien allein dem Israeliten noch nicht genügen sollen, hat er deutlich ausgesprochen. Zn der schon oben angeführten Stelle —- Baba Mezia S. 33 2, Ende — wird bestimmt: „Wenn der Vater und der Lehrer einen Gegenstand verloren, so geht die Wiederschaffung der verlornen Sache des Lehrers der des Vaters voran, denn der Vater giebt dem Sohne nur das diesseitige Lehen, der Lehrer aber, welcher ihm die Weisheit gelehrt, führt ihn zu dem Leben künftiger Welt. ,,Die darauf folgende Barajta fügt hinzu: „Der in Rede stehende Lehrer muß ein solcher sein, von welchem man Weisheit (allgemeines Wiffen), nicht aber von dem man nur die Schrift und die Mischna erlernt. Dieses sind die Worte R. Mbir's; N. Jehuda sagt (ohne jenem zu widersprechen), von dem man den größten Theil seiner Weisheit erlernt." Es bedarf demnach um so weniger einer ferneren Erörterung für die ernsthafte religiöse Pflichtforderung R. Jehuda's, hinsichtlich der Nothwendigkeit eines Studiums allgemeiner Kenntnisse, als er letzteres hier gerade zur Bedingung macht, ob ein viblischeö Gesetz statt finde oder nicht, und noch zumal seine Meinung zur Halacha erhoben ist. (S. ibicl. weiter unten.) Aber nicht nur in quantitavem Wissen, waren seine Anforderungen unbeengt, auch qualitativ ist er für ein stets gründliches Studium. Baba Mezia 33 L, Anfang: „R. Jehuda bar Jlai lehrte, welchen Sinn hat der Vers: (Jesaja 58, 1) Verkünde meinem Volke seine Missethat, und b.em Hause Jakob seine Sünden? Verkünde meinem Volke seine Missethat, das sind die Schüler der Weisen, deren Jrrthümer werden ihnen zu Frevelthaten, und dem Hause Jakob seine Sünden, das ist das Volk des Landes, deren Frevelthaten werden ihnen Jrrthümer. Dieses meint auch die Barajta, R. Jehuda sagt (Abot 4, 16) sei wachsam im Studium, denn der Jrrrhum führt zur Frevelthat." Und neben den Anforderungen umfassender und gründlicher, Studien, erscheint R. I. in der angeführten Stelle gerade als ein Gegner dessen, welches der Vrf. d. Skz. .ihm so gern als allein gültig vindiciren will, als ein Gegner des reeipirten Derasch." R. I. b. I. lehrte, (ibid.) welchen Sinn hat der Vers: (Jesaja 66, 5) Höret das Wort des Ewigen, ihr vor seinem Worte Zitternde? Das sind die Schüler der Weisen, euere Brüder, das sind die Schriftkundigen (N“)pD ^}D), eure Hasser, das sind die Mischnakuadigen, (»WD tyD), die euch verstoßen, das ist das Volk des Landes." nom 'di vhw m ■pjd fnm wn hn^d mny b 5M28 M Sabbat 25 b, Mitte. Man vergleiche hiermit noch die Barajta, Kidduschin 49 a, Ende: „Welches wird die Mischna (Deuterosis) genannt? R. Mvir sagt die Halachot, R. Jehuda sagt der Midrasch (das Studium 37)." Indem nun aus Vorstehendem allerdings deutlich hervorgeht, wie R. I. eine der Mischna gegnerische Richtung ausspricht und als Anonymus des Sifra sich mehr der Tendenz des Midrasch zuwendete, so ist dieses: nicht im strikten Sinne zu nehmen, indem ja R. I. selbst einer der fruchtbarsten Mischna- und Barajta - Lehrer war; es ist uns vielmehr wahrscheinlich, daß alle diese Aussprüche Fragmente von Vorträgen sind, in denen die Konflikte der gelehrten Kategorien damaliger* Zeit zur Sprache kamen, und wozu wie gewöhnlich ein Bibelvers zur Basis diente, ohne darum eine solche Deutung, weder als die des Verses allein gültige zu geben, noch deren resultirende Aussprüche, als Postulate hinstellen zu wollen, in denen R. I. sein exegetisches Verfahren charakterisiere. So viel aber ist ersichtlich, wie dem R. I. das Widersprechende der verschiedenen exegetischen Richtungen, die tief mystische seines Freundes R. Simon den Jochai, wie die oft nur scharfsinnige eines R. Möir, im klaren Bewußtsein und ein Gegenstand seiner Lehrvorträge war. So leuchtet auch schon aus seiner sonstigen rationellen Auffassung biblischer Erzählungen von Wundern hervor, wie frei und unbeengt sein Blick zu einer Zeit in das Gotteswort geschaut, wo allerdings keine — Veranlassungen da waren, der freien, religiösen Forschung unlautere Motive zu unterstellen — — weil die Gottesfurcht der Weisheit voranging. Sanhedrin 92. b, Mitte, heißt es: „In der Baratja steht, R. Elisser sagt: die Todren, welche Jecheskel belebt (Jecheskel 37), standen aufrecht, recitirten ein Loblied und starben; und welches Lied recitirten sie? der Ewige tödtet in Gerechtigkeit und belebet in Erbarmen. R. Jehoschua sagt, dieses Lied recitirten sie, der Ewige todtet und macht lebendig, senkt in die Gruft und hebt empor« R. Jehuda sagt, Wahrheit! es ist ein Gleich niß Da sagte zu ihm R. Nechewia, ist es Wahrheit, wie kann es ein Gleichniß, ist es ein Gleichniß, wie kann es Wahrheit sein? Also (muß es heißen) in Wahrheit, es ist ein Gleichniß." Diese rationalistische Richtung zu einer Zeit, wo sie noch nicht so „geläufig" (Skz. S. 234) sein konnte — giebt R. Jehuda aber durchgängig bei seinem exegetischen Verfahren zu erkennen, indem er möglichst die Deutung des einfachen Wortsinnes, dem des mehr fern, in weiterer Bedeutung liegenden, vor zieht. Veranschaulicht wird dieses durch folgende Halachot. Baba Mezia S. 115 a, Mitte und Sanhedrin S. 21 2, Anfang. „Eine Wittwe, ob sie arm oder reich ist, darf man. nicht pfänden, denn so heiße es (Deutronomium 24, 17): Du sollst nicht pfänden das Kleid einer Wittwe.^ So weit die Mischna; die Barafta fügt hinzu: „Es haben 37) S. Zunz a. a. O. S. 43. Anm. a, Ende.