Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1843)
- Article
- Königsberg: Über den russischen Ukas
- Date
- 1843-10-10
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
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322 nicht eben die günstigsten Verhältnisse für die Entwicklung eines kräftigen Körpers, wenn auch dabei nicht unbeachtet bleiben darf, wie hier — ein wahrhaft einziger Fall—selbst in dem Aermstm und Niedrigsten (der jedenfalls mit dem vollen Inhalt und dem Geist der Bibel, zum mindesten der 5 Bücher Mosis, in der Ursprache und nicht in matten Auszügen aus einer Uebersetzung, bekannt wird) die Richtung auf das Höhere, nicht eben Materiell-Nützliche, geweckt, genährt und lebendig erhalten wird, wie ein Trieb zum Wissen und eine Achtung vor dem Wissen zum Grundzug des Charakters gemacht, und bei allem Erniedrigenden und Oemüthigenden des äußern Betriebs eine ideale geistige Haltung, selbst dem Geringsten mitgetheilt wird, die bei einiger Gunst der Zustände, vor dem Mehlthau des „Modernen" wie vor dem galloppirenden Optimismus bewahrt, den Keim zu dem Besten und Herrlichsten bieten würde, und die vor Allem eines bessern Geschicks würdig ist. — Selbst die verhältnismäßig Wohlhabendsten darunter haben nur den unsichern und so vielfach gefährdeten Erwerb des Handels zur Nahrungsquelle, darin gcößtentheils auf kaufmännischen Credit gestützt, der bekanntlich nicht zu den Unbedachtsamen gehört, dabei besonders den 8tatu8 quo liebt und bei dem geringsten Schwanken des Bestehenden sich vorsichtig zurückzieht. Aber im Handel wie im Ausschank und Handwerk, im kleinen wie im großen Geschäftsbetrieb der Art, hängt der Erwerb dieser Leute so sehr von der Gunst und dem Vertrauen der Umgebung ab, der erst im jahrelangen Geschäftsverkehr gewonnen und befestigt wird, ist dadurch so sehr an Ort und Stelle, an den jeweiligen Wohnsitz geknüpft, und auch nicht weniger durch den fast rücksichtslosen Kredit, den sie ihrerseits den Einzelnen gewähren müssen, um den nöthigen Absatz zu erzielen, daß man ihnen bei der Vollziehung der angeordneren Versetzung, ihre bisherigen Wohnsitze und den daran geknüpften Erwerb nicht nehmen kann, ohne ihnen zugleich den Bettelstab zu reichen. Sollen sich nun, Angesichts der europäischen Cinilisrtion des 19ten Jahrhunderts, Scenen wiederholen, wie sie nach den Berichten von Augenzeugen und gleichzeitigen Geschichtschreibern bei der Vertreibung der Juden aus Spanien (ihre Anzahl betrug nach der übertriebensten Schätzung *60,000, nach der mäßiger» und wahrscheinlichsten 80,000, und die Vertreibung erfolgte aus blindem und gewisleitetem Glaubenseifer) stattfanden? Sollen die öffentlichen Plätze der Städte in den innern russischen Gouvernements wie damals in Genua sich mit tobten und sterbenden Juden füllen, und Mütter, die kaum noch die Kraft haben sich aufrecht zu erhalten, mit ihren verhungerten Kindern auf den Armen durch die Strafen wanken, bis sie den letzten Athemzug aushauchend zu Boden sinken! „Man hätte sie für Gespenster halten können", meldet ein italienischer Geschichtschreiber von jenen spanischen Juden in Genua, „so abgemagert waren sie, so leichenhaft sahen sie aus, und mit ihren eingefallenen Augen waren sie von den Tobten nur dadurch zu unterscheiden, daß sie sich bewegten, und dies selbst konnten sie kaum mehr." Wer, der einmal unter die jüdische Bevölkerung der russischpreußischen Grenze gekommen, hat nicht daselbst Leute erblickt, die diesem Bilde gleichen, und liegt in der ungeordneten Maaßregel auch nur die geringste Bürgschaft dafür, daß nicht die gesummte von dieser Anordnung betroffene Bevölkerung diesem schaudervollen Geschick entgegen geht? Soll, wie damals in Genua, jetzt in den Städten der innern russischen Gouvernements, die durch den Schwarm von Lovten und Sterbenden verbreitete Verpestung in Pest ausbrechen, und von dort aus (ähnlich der Cholera im Jahre 1830) die verheerende Seuche mit alle den Schrecken und all dem Entsetzen, mit allen Gräueln einer von Verzweiflung gepeitschten Volkswuth in ihrem Gefolge, sich über ganz Europa in Tod und Verwüstung, in Schmerz und Trauer ergießen? Und dies Alles vielleicht um einiger Schleichhändler, um einiger russischen Grenzwächter willen? — Als zuerst gegen das Ende des 15. Jahrh., am großen Wendepunkt der Zeiten europäische Herrscher in Bündniffe zusammentraten, und der erstaunten Welt neben den Wundern eines neuentdeckten Welttheils und des Buchdrucks, im strahlenden Glanz der wiedererstandenen klassischen Literatur und neben allen bedeutungsvollen Anzeichen eines geistig wiedergeborenen Europas zugleich das neue Schauspiel eines christlich - eutopäischen Staaten- und Völkerbundes gaben, da — war Rußland noch nicht unter ihnen. Rußland hatte damals kaum erst das Joch der tartarischen Barbarenherrschaft abgeschüttelt, und kaum noch, daß damals die ersten Strahlen des frühesten, düstern Morgenroths eines europäischcivilisirten Staats- und Volkslebens am fernern Horizont die Nacht durchbrachen. Peter erschien, und es ward Licht. Peter reiste, um in den gleichzeitigen Herrschern Europas seine Brüder kennen zu lernen, sog dabei gierig die Luft europäischer Kultur ein, und verpflanzte Wissenschaften und Künste, Institutionen, Zustände und Gesittung der europäischen Civilisation nach Rußland.. Wiewohl er selbst sich noch im Abmähen von Strelitzenkopfen, in Darlegung von Proben seiner Leibesstärke, an silbernen Tellern und Schüsseln, die er wie Wäsche zusammenwickelte, an Tuchballen, die er in die Höhe warf und im Herabsallen mit seinem Pallasch durchhieb, gefallen konnte, und an rohen Gelagen und ähnlichen Lustbarkeiten inniges Ergötzen fand, so war doch zuerst durch ihn und seine Aufnahme europäischer Kultur in Rußland, dieses Reich entschieden in die Reihe der europäisch-civilisirten Staaten und in die europäische Völkerfamilie eingetreten. — Diese Bündnisse christlicher Staaten, welche damals zunächst nur von selbstsüchtig-politischen Zwecken ausgingen und noch lange nachher das 17. und 18. Jahrhundert hindurch, den Lieblingssatz Ludwigs XI. das qui iu\scit dissimulare nescit regnare zum Kanon ihrer Wirksamkeit behalten, sowie die Politik des „Principe“ für gewichtigen Ernst nehmen konnten, hatten endlich im läuternden Gottes- und Weltgericht des 19.Jahrhunderts, das mit Flammenschrift das discite justitiam moniti «t non contemnere diyos über Europa leuchten ließ, den Moder der diplomatischen Jntrigue, der habsüchti-