Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 39 (26.9.1843)
- Article
- Ueber die neuesten Reformbestrebungen in Israel
- Date
- 1843-09-26
- Page
- Spalte 611-612 (sequence 2)
- Language
- German
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611 612 lieber die neuesten Reformbestrebungen in Israel. was heißt dieses aber andersals die Behauptung aussprechen, daß das Wesen des Judenthums nur im ParLikularismus bestehe, und daß Alles, was diesen Stempel nicht an sich trage, aus dem religiösen Leben Israels auszuscheiden sei? — Verfährt der moderne Jude aber so gegen Dasjenige, was er, so lange er noch den Namen Jude trägt, für sein höchstes, theuerstes Gut erklärt, wie könnte er dann noch sich beklagen, daß ihm von Leuten, die in ihm ihren Widersacher erblicken wollen, ein Gleiches widerfahre? Die gute Absicht ist keine Entschuldigung für die Entstellung der Wahrheit; auch ist der hierdurch etwa zu erlangende Gewinn nur momentan und unbedeutend, während der dadurch anzurichtende Schaden von Dauer und Bedeutung ist. Das Beispiel M. M e n d e ls s o h n 's sollte für jeden aufrichtigen Israeliten eine Warnung sein, bei der Charakterisirung seiner väterlichen Religion nur der reinen Wahrheit, und nicht dem Zeirgeiste zu huldigen, indem jene von ewiger Dauer, dieser aber nur vorübergehend ist. — M. Mendelssohn wollte sich lästige Proselytenmacher vom Halse schaffen, und schrieb sein Jerusalem, worin er erklärte, daß die mosaische Religion nur Gesetze, Befehle und Vorschriften, keinesweges aber Lehrmeinungen, Heilswahrheiten oder allgemeine Vernunflsä'tze lehren; wolle. Mendelssohn starb und alle Menschen seines Zeitalters, und ein neues Geschlecht mit neuen Ideen wuchs heran: da wurde das, was Mendelssohn als Vertheidigung seiner^ väterlichen Religion gedient, zur Waffe in der Hand : der Gegner. „£)a& Jude nt hum", schrieen nun seine Widersacher, „das Judenthum ist nach dem Geständniß seiner eignen Bekenner nur ein Aggregat von starren Gesetzen und Verordnungen; es verlangt von seinen Bekennern knechtische Unterwerfung, blinden Gehorsam" und wie die Klingelphrasen alle heißen. Da nun dieser Wortschwall bis auf den heutigen Tag noch nicht erschöpft ist, so glaubten die! allerneuesten Reformer zu Frankfurt a. M. nichts Vernünfj rigeres thun zu können, als daß sie in ihrem Religions-Edikt ■ vom Juli 1843 dekretieren, daß der Mosaismus einer! -unbeschränkten Fortbildung fähig sei. Wie aber, ihr Herren, : wenn Jemand euch beim Wort faßte und daraus etwa fol- : gende Konsequenzen zöge: „Was einer Fortbildung fähig ist,! das hat noch nicht die höchste Stufe der Vollendung erreicht, ist also noch unvollständig; was aber unvollständig ist, das j ist mangelhaft. Dem zufolge haben die Herren Reformato-! ren zu Fr. selbst eingestanden, daß sie sich zu einer Mangel- ■ haften Religion bekennen; eine mangelhafte Religion enthalt aber nothwendig auch eine mangelhafte Moral". Glaubt ihr nun, ihr Herren, durch euer Jr^i-Ed ik t neuere Ansprüche auf völlige Emanzipation mehr begründet zu haben? — Im; Falle man höhern Ortes mit dieser Konsequenz euch wirklich entgegen träte, bliebe euch nur noch übrig, dem Beispiele des weiland französischen Konvents zu folgen, der vermittels: Dekrets vom 7. Mai. 1794 das höchste Wesen wieder einsetzte. Gesetzt nun, es gelänge euch dann, den alten Fleck rein zu waschen, wie aber, wenn unterdessen Bruno Bauer; und Konsorten das Heft in die Hand bekämen und dann wieder die Fahne der E n t w i ck e l u n g aufpflanzren? Glaubt ihr, daß man sich dann wieder aufs Neue bekehren könnte unv so fort bis in die Ewigkeit? Ist dies etwa die Möglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung, die ihr dem Mosaismus vindicirt? — Dahin geräth man endlich, wenn man keinen absoluten Standpunkt einnimmt, sondern sich stets relativ verhält; wenn man durch jeden leichtfertigen Einwurf seiner Gegner sich gleich zu Koneessionen bestimmen läßt, ohne erst zu untersuchen, ob der Einwurf auch gegründet sei. Ja, es könnte ein verrückter Gegner der Emaneipation mit der Behauptung austreten, daß die Juden darum nicht emancipirt werden können, weil die Religion ihnen verbietet zu morden, ein Staatsbürger aber unter erforderlichen Umständen die Waffen ergreifen müsse re., und die Leichtfertigen in Israel wären im Stande, das siebente Gebot nach dem Belieben jenes Verrückten zu interpretiren. Glaubt ihr denn aber, daß die Religion Israels eine wächserne Nase sei, die man nach allen Ecken und Enden drehen kann? —- Doch wir wollen Nachweisen, daß die neuesten Reformer geradezu den Partikularismus predigen. Hierzu müssen wir aber die israelitische Religion etwas näher charakterisiren. Die Religion Israels kündigt sich nicht als eine neue, noch nicht dagewesene Lehre von Gott und seinem Verhältniß zur Welt an, sondern als diejenige, die bereits den Urmenschen wohl bekannt gewesen, die aber im Verlauf der Zeiten in Vergessenheit gerathen *). Sie lehrt, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen, also von Natur gut, und hat ihn mit freiem Willen ausgerüstet, Gutes oder Böses zu thun. Der Mmsch that Letzteres, nicht weil er wußte, sondern weil er konnte,— er blieb aber dessen ungeachtet -ein Wesen nach dem Ebenbilde Gottes 1 2). Das Menschengeschlecht vermehrte sich, aber die ursprüngliche reine Erkenntnis' Gottes nahm immer mehr ab, und zwar durch des Menschen eigne Schuld. Indessen gab Gott immer noch seine Welt nicht auf, denn einzelne Personen gab es stets, die die wahre Religion in ihrem Kreise erhalten hatten, so He noch, Noah rc., nur warm sie die Männer nicht., die eigne Erkenntniß weiter zu verbreiten. Ein solcher Mann trat erst in Abraham auf, und dieser wurde daher von Gort zum Werkzeug gewählt, vermittels dessen die Erkenntniß der wahren Religion unter dem Menschengeschlecht wiederhergestellt werden sollte^). Iu diesem Behufe ging Gott mit Abraham 1) Vergl. Midrasch Rabba zu Genes. 4, 26. 2) Genes. 9, 6. — 3> iiDINH mnsträJ b "P tTOJl »Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden". Gen. 12, 3. So faßt auch Onkelos den Sinn dieser Stelle auf; er giebt sie durch: JirrDm Es Ist gezwungen, dem Nifal hier die Bedeutung des Hitpaol beizulegen; darauf macht schon M. Mendelssohn in seinem Komm, zu der citirten Stelle aufmerksam. — Das Bedenken, das dieser