Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1843-09-26 · Heft 39 (26.9.1843) · p. Seite 309

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 39 (26.9.1843)
Article
Leipzig: Der Frankf. Reform-Verein ...
Date
1843-09-26
Page
Seite 309 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2360092-2360256-2360296-2370529--3942-2370556
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

309 auf Innerlichkeit, auf Gemuthsregung angewiesen, entbehren jedes höheren Anknüpfungspunktes; die Jugend aber wächst auf unter Zweifeln, Täuschungen und inneren Konflikten, die jede tiefere religiöse Anregung paralysiren. Von diesen Gedanken bewegt, hat sich eine Anzahl deutscher Israeliten entschlossen, ihre Meinung über das Iudenthum in seiner jetzigen Gestaltung durch eine öffentliche Erklärung auszusprechen- und von allen verwerflichen Satzungen und verlebten Gebräuchen, die sie schon längst stillschweigend aufgegeben, nunmehr sich förmlich loszusagen. Es ist nicht die Absicht dieser Erklärung, uns staatliche Bevorzugungen, den strikten Beobachtern rabbinischer Satzung gegenüber, zu erringen. Wir halten unsere bürgerliche Gleichstellung für eine in die Entwickelung humaner Prineipien mit inbegriffene Frage, an deren endlicher Lösung zwar unsere theuerste Hoffnung hängt, die jedoch nicht zunächst das moralische Bedürfnis in uns erregt, den mosaischen Glauben vorder tiefsten Erstarrung, der heillosesten Verkümmerung zu bewahren. Wir können und mögen keine Dogmen aufstellen; unsere Erklärung läßt die innern positiven Grundlehren des Glaubens, so wie das Verhältniß, das Jeder je nach seinem geistigen und gemüthlichen Wedürfniß zur Religion hat, vollkommen unberührt, und kann daher keineswegs den Zweck haben, eine besondere religiöse Gemeinschaft zu begründen oder die alte zu erschüttern. Sie soll nur die Stellung, welche viele Israeliten schon längst innerhalb ihrer Religion eingenommen haben, auch nach Außen hin in deutlicher Gränze bezeichnen, und so dem Staat und der öffentlichen Meinung gegenüoer vertrauensvoll jeden Rückhalt aufheben, jede eigensüchtige Trennung schwinden lassen. Daher bedarf diese Erklärung keiner Auszählung von positiven Anerkenntnissen, sondern hat blos den Zweck, dasjenige, was man uns bisher, aus Gewohnbeit, als zu unserm religiösen Bekenntnisse gehörig imputirte, von uns abzuwälzen. Wir erklären laut die Meinung, zu der wir uns bekennen, auf daß Jeder, der diese Meinung theilt, seine Gleichgesinnten erkenne, und sich wohl fühle in dem Gedanken, einer Gesammtyeit anzugehören, derer sich anreihm und der er seine Kinder und Schützlinge zuführen könne. Wir versagen uns die Hoffnung nicht, in das Aeußere der Religionsübung diejenigen Aenderungen eintreten zu sehen, die dem gelauterten mosaischen Begriffe entsprechen. Besonders hoffen wir aufrichtige und sachkundige Religionslehrer durch diese Erklärung zu überzeugen, daß die Wahrheit in Israel eine Gemeinde habe. Möge denselben die Gelegenheit und die Unabhängigkeit nicht fehlen, Dasjenige, was in der T..at den Kern ihrer Bestrebungen bezeichnet, immer offener herauszustellen und den religiösen Standpunkt wahrheitliebender Laien mit dem ganzen Gewicht ihrer Gründe, mit der ganzen Weihe ihrer Stellung zu unterstützen — eine Wirksamkeit, der dieselben sich bisher kaum annähernd hingeben konnten. Am Wenigsten ist es unsere Absicht, den strikten Anhängern des rabbinischen Judenthums wehe zu thun. Hoffen wir, daß es aufrichtigen Bemühungen gelingen wird, dem Iudenthum nicht nur eine würdigere Form zu geben, sondern auch seinen inneren Gehalt reiner hervorzustellen und Alles, was unsere Religion in den Augen der denkenden Menschheit entwürdigt und erniedrigt hat, von ihr zu entfernen. Schön jetzt fühlt jeder Theilnehmer die lohnende Genugthnung, in Bezug aus das höchste geistige Interesse seinen Standpunkt gewählt und der Wahrheit die Ehre gegeben zu haben. Beginnen wir demnach mit festem Muthe ein nicht nur bürgerlich noth wendig es und geistig berechtigtes, sondern auch ein höchst sittliches und in Wahrheit gottgefälliges Werk. »I. Erklärung. Erstens. Wir erkennen in der mosaischen Religion die Möglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung. Zweitens. Die gewöhnlich mit dem Namen Tal-' mud bezeichnete Sammlung von Kontroversen, Abhandlungen und Vorschriften hat für uns weder in dogmatischer, noch in praktischer Hinsicht irgend eine Autorität. Drittens. Ein Messias, der die Israeliten nach dem Lande Palästina zurückführe, wird von uns weder erwartet noch gewünscht, wir kennen kein Vaterland als dasjenige, dem wir durch Geburt und bürgerliches Verhältniß angehören, IM« Das Einladungsschreiben. Ew. Wohlgeboren ertauben wir uns zur Theilnahme an einem Unternehmen einzuladen, dessen innere Beweggründe Sie in dem beiliegenden kurzen Programm entwickelt finden. Die beifolgende Erklärung ist bereits am hiesigen Orte von einer Anzahl achtbarer Israeliten, die großentheils zu den angesehensten Familienvätern unserer Gemeinde gehören, unterschrieben worden; außerdem sind in vielen Städten des Vaterlandes geachtete Männer zur Theilnahme und zur eifrigsten Förderung der Sache bereit. Immer ernster stellt sich die Nothwendigknt heraus, daß für diejenigen Israeliten, die sich von dem herkömmlichen entstellten Iudenthum fast ganz getrennt haben, ein aus Wahrheit beruhendes Verhältniß zu unserer Religion festgestellt werde. Allgemein sehnt man sich nach einer Glaubenssorm, wie sie im reinen Mosaismus begründet und von trefflichen Schristgelehrten unserer Zeit angedeutet ist; nach einer Glaubensform, von der Alles, was lediglich in den vorzeitlichen klimatischen und staatlichen Verhältniffen der Israeliten begründet, so wie Alles, was im Laufe der Geschichte bedeutungslos geworden ist oder einer höheren vaterländischen Gesittung nicht entspricht, entfernt werde. Namentlich können und sollen die Satzungen des Talmuds, der bei den Juden niemals durch ein bindendes Gesetz eingesiihrt oder sanktionirt wurde, der seine Autorität nur einem in finstern Jahrhunderten entstandenen Gebrauch verdankt, in unseren Tagen, wo der Gebrauch ihn aufgiebt und die Stimmung ihn verläßt, als ungültig und unverbindlich erkannt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.