Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1843)
- Article
- Leipzig: Der Frankf. Reform-Verein ...
- Date
- 1843-09-26
- Page
- Seite 308 (sequence 2)
- Language
- German
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308 den in ihrer Abneigung gegen Andersgläubige zu suchen; so betrachtete die gewöhnliche Meinung den Gebrauch der Beschneidung bald als ein Institut von sakramentaler Bedeutung , welcher Begriff in dieser Art im Iudenthum gar nicht vorhanden ist; bald auch als ein Symbol der besonder» Reinheit, welche die Juden sich zuschrieben -- was eben so wenig deffen vormosaischer Entstehung zu Grunde liegen konnte. Wenn dieser Zustand nun wie alles Geschichtliche in sich selbst seinen Grund und seine Rechtfertigung haben mochte, so konnte er auch wiederum dem Umschwung der Geschichte nicht widerstehen. Es kamen Zeiten, wo im Völkerleben eine rein menschliche Anschauungsweise sich geltend machte und das Historische sich mit den Forderungen der prüfenden Vernunft vereinbaren mußte. In allen solchen Perioden zeigte sich auch unter den Juden ein energischer Aufschwung, obwohl sie zum großen Verband der Völker nicht mitgezählt wurden. Die Gedankenkraft strebte bei den Anhängern des Mosaismus um so elastischer empor, als härter sie zurückgedrängt gewesen war. In jeder solchen Zeit nun erkannten die erwählten Geister unter den Juden den schrecklichen Abstand zwischen der innern Reinheit und Würde ihrer göttlichen Wahrheit und der praktischen Verwilderung, der entstellten Aeußeclichkeit ihrer Religion. Eine freiere Bildung brachte sie dahin, von der Nation, unter der sie lebten, alle geistigen und gemüthlichen Elemente in sich aufzunehmen. Mit Entsetzen sahen sie die Kluft, die ihren äußern praktisch-religiösen Standpunkt von dem höheren Bewußtsein, wie es sich besonders in den europäischen Nationen manifestirte, getrennt hielt. Sie suchten aus der wüsten Umhüllung das Kleinod der geistigen Wahrheit zu retten und nachzuweisen, daß das reine Iudenthum demjenigen, was andere Gemeinschaften als höchstes geistiges Gut erkannten, nicht nachstehe. So traten Männer auf, die den Kern des ewigen Gedankens von der äußeren Hülle der Gebrauche zu sondern ssich bemühten. Fanden sie doch die höchsten und strahlendsten Urbilder solcher Bestrebungen schon in den Propheten des alten Testamentes (vor Allen im Iesaija und bei dem Psalmisten), die laut verkündeten, daß der Geist des Gebotes unabhängig sei vom Blute der Stiere. Freilich dauerte wohl von der anderen Seite, in unserer neuen Zeit das Bestreben fort, verrottete Misbräuche und höchst unwürdige Gewöhnungen als religiöse Gesetze zu erhalten. Das Absurdeste sollte wissenschaftlich und gemüth- Lich. begründet werden. Reformversuche fanden meist nur in so fern statt, als man unfern Glauben den Religionsübungen anderer Gemeinden Liturgisch und katechetisch anzunähern suchte, oder mit den strikten Anhängern des Rabbinismus eine Uebereinkunft eröffnen wollte. So eröffnete sich der Sophistik ein weites Feld und der Verfall wurde nicht gehemmt. Selten dachte man daran, die ewige Bildungsfähigkeit des Mofaismus hervorzuheben und so dem Geiste sein Recht zu vindiciren, nach welchem er die göttliche Wahrheit in sich aufnimmt und, im Einklang mit jeder menschlichen Entwicklung, rastlos weiter bildet. Insofern ist eine Wahrheit in der oft aufgestellten Behauptung, daß von den Juden bis jetzt kein entschiedener Schritt geschehen sei, um ihre Religionsübung mit jener höheren Kultur in Übereinstimmung zu bringen, die ja auch sie umfaßt und der sie ihr geistiges Fortschreiten zumeist verdanken. Von der rabbinischen Jurisdiktion und dem geistlichen Strafrecht hat uns, zum Heil' und zur Freude aller Gutgesinnten, die CivilisaLion befreit; die Religion von ihren verjährten Entstellungen zu läutern und sie in ihrer reinen Würde herauszustellen, muß die Frucht unserer eigenen Geistesarbeit sein. In unseren Jagen ist der Zwiespalt zwischen der inneren Wahrheit des Iudenthums und seiner äußeren Erscheinung auf das Höchste ^gestiegen. Durch die geistige Bildung der Zeit getränkt und genährt, sind Viele derer, die im mosaischen Religionsverbande leben, zu der Ueberzeugung gekommen, daß unter den praktischen Vorschriften, die an das heutige Judenthum geknüpft sind, die meisten auf menschlichen, zeitlich beschränkten Voraussetzungen beruhen. Während sie also mit Recht das Aeußerliche zum größten Lheil als bedeutungslos, als geistig unberechtigt, ja zuweilen als einer geläuterten Gesittung unwürdig erkennen, schöpfen sie den inneren Gehalt, die göttliche Wahrheit, die ein früheres Geschlecht in der Lehre fand, jetzt nur aus den Schätzen der Weisheit, die so viele große Geister aller Nationen gewonnen haben. So haben sich Lausende von der Lheilnahme am talmudisch-rabbinischen Iudenthum innerlich losgesagt, und sind nur noch durch Gewöhnung, durch die Kontrolle des Staats, durch eine aus Familienempfindungen hervorgehende Anhänglichkeit äußerlich an die mosaische Religionsgemeinschaft gefesselt. Verderblich und unmoralisch ist dieser Zustand; denn so lang der Mensch in der Gesammtheit lebt, soll er äußerlich und praktisch nicht einen ganz Andern darstellen, als er innerlich ist. Der Iuoe, dem seine Religion in dieser Art gleichgültig geworden ist, hat nur noch die Wahl, ob ec ohne Sinn und freien Witten an der Stelle, wohin die Geburt ihn brachte, aus Gewohnheit stehen bleiben und jeder Anknüpfung seines geistigen Fuhlens an einen äußeren Verband ferner beraubt sein will, oder — ob er, nach einer Form sich sehnend, unbekümmert um die innere Ueberzeugung sich, wenn auch nur äußerlich, einem andern Verbände anschließen will, der ihm mehr innere und äußere Anhaltspunkte zu gewähren scheint. Wer mit diesen Auswegen sich nicht beruhigen mag, der wird, statt in indolenter Lethargie zu verharren, vielmehr an der Entwickelungsfähigkeit des Glaubens festhatten und also seinen geistigen Standpunkt mit seinem Bekenntniß in Einklang zu bringen suchen. . Hat jedoch die äußere Entartung des Iudenthums einen verderblichen und entwürdigenden Einfluß auf den Mann, der seinen bürgerlichen Standpunkt mit Ueberlegung sich auswählen und feststellen darf, so sind die Folgen noch schädlicher für die Heranwachsende Jugend nnd für die F rauen. Die Frauen, durch ihre Stellung im Leben vorzugsweise