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Der Orient · 1843-09-26 · Heft 39 (26.9.1843) · p. Seite 307

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 39 (26.9.1843)
Article
Leipzig: Der Frankf. Reform-Verein ...
Date
1843-09-26
Page
Seite 307 (sequence 1)
Language
German
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307 £et$ptg, 16. Sptbr. (Der Franks. R.-V.) Nach langem Warten ist endlich das Programm des Reform- Vereins erschienen und darauf Bezug nehmend, werden m einem gedruckten Schreiben Taufende zur Theilnahme eingeladen. . Als die wichtigsten Aktenstücke in der Bewegung des modernen Judenthums rheile ich sie hier vollständig ohne alle Polemik oder Vertheidigung den Lesern dieses Blattes mit; denn die Besprechung dieser Erscheinung kann eben erst nur dann erfolgen, wenn die Aktenstücke vollständig mitgetheilt sind. Sie folgen hier der Reihe nach: I. Programm zu einer Erklärung deutscher Israeliten. Freunden religiöser Reform im Iudenthurne zur Beherzigung vorgelegt. Unter den verschiedenen geistigen Institutionen, welche die Weltgeschichte entstehen sah, hat sich der mosaische Glaube in großartiger Weise historisch bewährt. Die Religion, die Moses verkündete zu einer Zeit, wo die Völker umher in die Nacht des Heidenthums versunken waren, wo Menschenopfer, Zauberei und grauenvoller Geheimdienst geübt wurden: diese Religion hat eine kleine Schaar von Anhängern durch alle Phasen der Weltgeschichte geleitet und unter den verschiedensten äußeren Einflüssen stets ausrecht erhalten. Die Einführung jener ewigen Gotteswahrheit, die dem israelitischen Volk zum Leitstern und zur Vereinigung dienen sollte, wurde durch Gesetze und Gebote befördert, deren manche in den entferntesten Perioden menschheiclicher Entwickelung ihre Zwechmäßigkoit bewiesen haben, ja für einen großen Theil der gebildeten Nationen ethische Bedürfnisse geworden sind; so vor Allem die Feier eines öffentlichen Ruhetags. Der Mosaismus war nicht nur das Höchste, wozu die Abstraktion, der denkende Gl.ist sich bei jenen Urvölkern emporschwingen konnte; er schaffte der vernunftgemäßen Gotteslehre ihre Geltung unter den trüben, geheinmißvollen Wahnlehren jener Zeit; er setzte die höchsten Wahrheiten in ihre Rechte ein, indem er ihnen einen göttlichen Ursprung zusprach. So ist dem mosaischen Glauben eine sertwährende Bildungsfähigkeit uransänglich beiwohnend; und so ist es zu erklären, daß er vielfach in der Weltgeschichte getrübt und verunstaltet wurde und dennoch nicht unrerging. Daher haben zu verschiedenen Zeiten der jüdischen Religionsgemeinschaft Männer angehört, die, vom Mosaismus ausgehend, die höchsten in ihrer Epoche möglichen geistigen Resultate fanden, und Propheten wurden nicht nur für den engcrn Kreis ihrer Glaubensbrüder, sondern für die Menschheit. Unter den Einrichtungen jedoch, die mit der Verkündigung des Mosaismus Hand in Hand gingen, bezweckten manche nur die Gründung einer priesterlich - theokratischen, von anderen Völkern streng geschiedenen Nationalität; andere konnten ihrem Wesen nach nur als symbolische Einkleidungen religiöser Ideen, oder endlich als Civil-Einrichtungen für ein besonderes Land und eine besondere Zeit festgestellt erscheinen. Solche Gebote, die zunächst auf Kultur, Lebensweise, politische und hierarchische Verfassung der damaligen Israeliten berechnet waren, erhielten zwar durch Anlehnung an die Religion eine höhere Geltung und Weihe, so wie sie rückwirkend dieser eine nationelle, alles Fremde ausschließende Form gaben. Als aber im Laufe der Geschichte der israelitische Staatsverband unterging, mußte auch diese Beziehung erlöschen. So siel der größere Theil der mosaischen Vorschriften und Gesetze von selbst zusammen, unter denen hier die Anordnungen über Grundbesitz, Volkseintheilung, Bevorrechtungen der Priester und der Leviten genannt sein mögen, so wie jene, die mit dem Tempel- und Opferdienst, oder mit dem Straf- und Vergelttmgsrecht in Verbindung stehen. Man hätte denken sollen, daß auch manche, Absonderung bezweckende Ceremonial-Gebräuche nun in Vergessenheit gerathen wären; allein dem Volke, das zum höchsten Gedankenschwung keineswegs reif war, schmeichelte sich das liturgische und asketische Außenwerk leichter ein und wurde seiner Gewöhnung vertrauter, als die zu Grunde liegenden ewigen Wahrheiten. Indem man den Mosaismus, abgetrennt von Staat und Hierarchie, zu erhalten sich verpflichtet sah, legte man dem Rirualgesetz, im Widerspruch mit dem Geist und dem Worte der alten Propheten, einen selbstständigen, von seinem Einfluß auf das sittliche Leben unabhängigen Werth bei. Auf die Ausbildung und Erweiterung solcher Vorschriften wendeten Rabbinen und Schristgelehrte ganz besonders ihre Aufmerksamkeit. Bald wurde durch misverstandenc Lehren und menschlich unvollkommene Satzungen, durch willkürliche Zuthat und subjektiv beschränkte Auffassung der geistige Gehalt des Judenthums getrübt und entwürdigt. Diese äußerliche Richtung wurde noch vorherrschender, als die Juden unter alle Völker zerstreut wurden, als ein unduldsamer Druck sie streng auf sich beschränkte, und durch Gegenwirkung eine Sehnsucht nach dem Verlorenen hervorrief; durch blindes Anklammern an jede, auch die geringste Ae u ßerli chkeit suchte man das Gerettete zu bewahren und zu sichern. Dieses Streben mußte aber bei der,beschränkten Bildung jener Zeit oft genug zu Satzungen führen, die mit einer fortgeschrittenen Kultur in grellem Widerspruche stehen, ja zuweilen dem Anstandsgefühl, den rein sittlichen Begriffen oder dem gesunden Menschensinne zuwider sind. Wenn im israelitischen Staate der Mosaismus gewisser ausschließender Formen, dem Bilderdienst und dem niedern sittlichen Standpunkte der heidnischen Nachbarvölker gegenüber, allerdings bedurfte , so war es vollkommen unstatthaft, und nur wohl durch den äußeren Druck zu erklären, daß das Iudenthum solche Elemente noch inmitten der europäischen Gesittung mit Aengstlichkeit festhielt. Der unausgesetzten Fortdauer dieses Bestrebens ist es zuzuschreiben, wenn über das Wesen des Judenthums im Allgemeinen und über manche Einzelheiten ins Besondere, bei andern Konfessionen und bei der nichttheologischen Menge ein falsches Urtheil sich festsetzte, das seinen Anhängern nur schaden konnte. So gewöhnte man sich daran, den Ursprung der besonderen Lebensweise der Ju- 39 *

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