Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 38 (19.9.1843)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1843-09-19
- Page
- Spalte 597-598 (sequence 3)
- Language
- German
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597 Hundert und ein Sabbat. Don H. Schiff. 598 der Engel, König der Wetten, der Du befohlen hast, die Gebetriemen anzulegen: „Gelobt sei ich Ewiger, Herr der Engel, König der Welten, der ich befohlen habe, die Gebetriemen anzulegen". Es ist so leicht, dies lächerlich zu finden, daß man wahrlich seine Worte sparen sollte. Schwerer aber ist es, eine Weisheit zu verstehen', wenn sie uns in einer fremden, veralteten Tracht entgegenkommt. Daß Gott mehr als heilig, anbetungswürdig sei, ist ein Gemeinplatz, den jedes Kind begreifen und glauben kann. Daß Gott von den Menschen angebetet sein will, ist schon schwerer und nur im frommen, religiösen Sinne zu erfassen. Daß Gott das Bewußtsein seiner Anbetungs- Würdigkeit hat, ist ein erhabener und philosophischer Gedanke, der in seinem Umfange, wie alle Ideen von der Gottheit, unser Denkvermögen weit überschreitet. — Hätte jener begeisterte Rabbi, statt sein Mährchen zu erzählen, nur die wenigen Worte niedergeschrieben: Gott weiß, wie anbetungswürdig er ist, daher will er vom den Menschen angebetet sein, und sie sollen ihn anbeten, so würde man ihn seiner nationalen -Begriffe von einem herrischen und zornigen Gotte halber nicht lächerlich finden. Ein Rabbi hat aber weder unsere Schulen noch Akademieen besucht, seine Sprache ist nicht die korrekte, gefügige und gewandte unserer Tage; er spricht auch nicht zu dem gebildeten heutigen deutschen Lesepublikum, er spricht zu seinen an dem Ceremoniendienst Hangenden Juden und begehrt von ihnen: Wenn ihr Morgens die Gebetriemen umwindet, wie Gott Euch befohlen, und den Herrn lobt, so sollt Ihr denken, daß Gott dasselbe thue und dieselbe Ceremonie verrichte, da werdet Ihr fühlen, was Ihr betet, und Euer Herz wird sich höher zu dem erheben, den Euer Mund lobt. Denn wie arm und schwach ist Eure beste Andacht und Euer innigstes Gebet gegen Gottes eigenes Lobgebet, weil er das Licht ist und Ihr nur blinde Maulwürfe seid, wo er sich selber kennt und fühlt und Ihr in Staub und Nacht höchstens den Willen habt, zu ihm emporzustreben. Doch ein Rabbi denkt nicht bewußt, sondern mit der Phantasiez seine Sprache, der unbehülfliche stilus asiaticus greift die ersten, nächsten Bilder aus dem Leben und macht sich darin verständlich, so gut er kann. Mit einem Worte, dies war nur die Vision eines fanatischen Rabbi's, der, indem er sich die Gebetriemen anlegte, von der Heiligkeit seiner Ceremonie so durchdrungen war, daß er Gott im Himmel dasselbe thun sah. Aber der Visionär und der Dichter geben in einem einzigen Bilde eine ganze Weisheit mit allen ihren möglichen Combinationen und Beziehungen hin, die in ihrer Zeit und ihrem Volke sehr wohl verstanden werden, nachmals aber die Bedeutung verlieren oder gleichsam ersterben und in fremden Zeiten und bei fremden Völkern, wo andere geistige Bedürfnisse herrschen, eines Kommentars bedürfen, um wieder aufzuleben." Ueber den Charakter und die Eigenthümlichreit des jüdischen Mährchens spricht sich Hr. S. in erwähntem Vorworte treffend aus: ,,Ein französisches Sprichwort sagt: „Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt"; und dies findet sich nirgend mehr bestätigt, als in den talmudischen Sagen. Religiöser Eifer kann sich nicht leicht mäßigen und der Jude noch weniger, der, wo er das Geringste und Gewöhnlichste sagt, nicht umhin kann, Mienen, Geberden und Accente ins Lächerliche zu übertreiben. Das jüdische Mährchen wird also allemal den Schritt thun, von dem das Sprichwort handelt; und deshalb ist es stets — um mich des modernen Ausdrucks zu bedienen — pikant und zugleich wunderbar, denn das Wunderbare ist das gesteigerte Pikante. Ueberhaupt weiß der Talmud (mit wie großem orientalischen Räthselsinn er auch bis ins Kleinste distinguirt) keinen Unterschied zwischen dem Lächerlichen und Erhabenen, Heiligen und Profanen, Edlen und Gemeinen; denn der Jude glaubt an einen Gott, in welchem sich Alles — aber auch Alles auflöst, so daß das Ungöttliche immer noch von Gott geschaffen und Gott selbst ist. Diese Mischung von Allem ist der Charakter, den ich in nachfolgendem Werke beizubehalten, poetisch zu gestalten und in einen heiteren Einklang zu bringen mich bemüht habe. Ich beschränkte mich daher nicht blos auf Sagen und Mährchen, sondern flocht auch geschichtliche Begebenheiten und Genrebilder in mein Werk. Dev Orient ist bunt und farbenprächtig, das finstere, einfache Gewand der Juden gehört der Unterdrückung an". Was die Mährchen und Sagen selbst anlangen, so hat der Vers, vorerst in drei Briefen einen Roman ersonnen, worin er das heutige Leben der Juden, wie es aus dem des vorigen Jahrhundert sich entwickelt, mit meisterhafter Feder dargestellt und die Sabbate oder Sagengruppen wurden dann in einer erzählenden Form als Resultate der Briefe und als zum Roman gehörig erzählt. In dem ersten Sabbat spricht der Erzähler sich einleitend über die Weisheit und Poesie des Talmud im Allgemeinen aus, worauf er dann die Abenteuer Alexanders des Großen, wie sie die Talmude erzählen, in einer schönen poetischen Bearbeitung folgen läßt. 'Der zweite Sabbat enthält eine jüdische Novelle, das Tollhaus, aus jüdischen Mährchen des vorigen Jahrhunderts entnommen und künstlerisch bearbeitet, so wie die Geschichte des Abba Chilkia mit einem Schluß-Naisonnement. Der dritte Sabbat gibt blos die Fortsetzung der ersten Novelle, mit vielfachen Einflechtungen mährchenhafter Blumen, wie die Salomon-Mährchen u. bergt. Der vierte Sabbat enthält eine Novelle: Simon Abeles, deren Grund eine wahre Geschichte des 17. Jahrhunderts ist. Diese Geschichte ziehet sich auch durch den fünften und sechsten Sabbat. Der siebente Sabbat enthält wieder eine talmudische Sage, nämlich die Geschichte des Josts Mokir Sabbat, mit reichlichen Betrachtungen versehen. Mannigfaltigkeit, eine anziehende Sprache und tiefe poetische Gedanken machen diese Sagensammlung sehr ompfehlenswerth und cs wäre zu wünschen, daß der Vers, sein Thema (10! Sabbat) weiterführe. 38