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Der Orient · 1843-08-29 · Heft 35 (29.8.1843) · p. Seite 276

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Journal
Der Orient
Volume
4 (1843)
Issue
Heft 35 (29.8.1843)
Article
Frankfurt a. M.: Jüd. Reformation ...
Date
1843-08-29
Page
Seite 276 (sequence 4)
Language
German
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- 276 - Vernichtung d es p ositiv en Ofsenbarungsglaubens; weniger klar ist der Ausgangspunkt, wenn er nicht ganz allgemein so ausgedrückt wird, daß gegen die Orthodoxie angekämpft werden müsse. In so fern sich die Reform nur auf einen Theil der Juden erstrecken kann, lassen sich zwei Wege einschlagen. Von der einen Seite kann man die Negation des Bestehenden gleich so weit fassen, daß sich voraussichtlich nur ein kleiner Theil der Juden im ersten Moment anschließen wird. Das war der Gedanke, von dem wir bei unseren ersten „Erklärungen" ausgingen. Wir wußten sehr wohl, daß wir, indem wir uns selbst an die Bibel wagten, das ganze Meutegebell christlicher und jüdischer Staats- und Glaubenspfaffen uns auf den Hals ziehen würden, aber wir hoffen, daß die Bessern in diesem Kampfe um so mehr erstarken würden. Andere, obwohl in der Gesinnung mit uns einverstanden, riechen die Ausführung erst allmählig in der Zeit reifen zu lassen, und vorläufig nur das zu negiren, worüber man auch in weitern Kreisen einig sei, und worin man von Außen weniger Einsprache zu erwarten habe. Der Talmud hat das orth. Iudenthum zu einer Gallert gemacht, die immer wieder zusammenlies, so viel sie auch Männer, wie Aben-Esra mit der Schärfe des Verstandes durchschneiden mochten. . Von dieser Knechtschaft müssen wir uns vor allen Dingen befreien. Damit ist aber zugleich der Weg ins Innere der Bibel gebahnt, denn sobald die Tradition fallt, beginnt die freie Interpretation, da die Bibel nur.auf die eine oder die andere Weise verständlich ist. Damit nun aber die Reform nicht in einen st u m p f s i n n i g e n Bibelglauben ansarte, haben wir die Erklärung hinzugefügt, ad I. daß wir unfern vererbten Glauben einer fortdauernden Entwickelung fähig halten, wodurch wir uns den Weg zu den letzten und höchsten Resultaten der Philosophie offen gehalten haben. ad 11. Die Refutation: des Talmuds ist zugleich nöthig, um uns von der A u t or i t ä t d e r R a b b i n e r zu befreien, der, wie mir scheint, gar vieles zur Last fällt, was man gewöhnlich den Staatsregierungen aufbürdet. Ich bin z. B. überzeugt, daß kerne Negierung etwas gegen die Wiederverheirathung einer nicht vom Schwager losgesprochenen Frau hat, sobald sich nur ein Rabbiner findet, der sie traut. Ich bin überzeugt, daß z. B. hier im Lande kein Mensch sich darum kümmern wird, ob ich meine Kinder beschneiden lasse oder nicht, wenn nicht etwa der Rabbiner Lärm schlägt und erklärt, daß ein Unbeschnittener kein Jude ist. ad II!. Was nun die Ablehnung des Messiasglaubens betrifft, die du ebenfalls als Bagatell behandelst, so halte ich sie nicht blos für eine Nothwendigkeit des Fortschritts, sondern sogar für eine Ehrensache; ich betrachte sie als eine Ehrenerklärung, die wir uns und unfern christlichen Mitbürgern schuldig sind. Die meisten deiner Einwürfe treffen die „Erklärung" schon aus dem Grunde nicht, weil sie gar nicht ausdrücken soll, daß alle Unterzeichner n u r diese Punkte im Iudenthum negiren, sondern vielmehr, daß alle diese Punkte sicher negiren. Den Vorwurf, daß wir in der Unwahrheit sind, weil wir nicht der Staatsregierung entgegen zu treten wagen, gebe ich zu, wie du mir zugiebst, daß wir alsdann in Gesellschaft von mehr als 30 Millionen Deutsche lügen. Ich selbst würde ungescheut diesen Kampf mitmachen und mich sogar darauf freuen. Aber ich würde, wenn ich eine Wahl hätte, nicht damit anfangen, daß ich den Regierungen die Bibel an den Kopf schmisse. Id) würde zuerst gegen die Beschneidung meiner Bücher und dann erst gegen die meiner Kinder protestiren. Es kann nicht Sache des Dilettantismus sein, auf die Dauer einen Kampf zu führen, der, wenn er einmal ins Detail der Entwickelung tritt, auch specielle Kenntnisse, theologische und philosophische voraussetzt, die sich, im Allgemeinen gesprochen, doch nur bei solchen vorsinden werden, die ein besonders Studium daran gesetzt haben. Also wir müssen reformatorische Theologen haben, diese werden sich dann, aber auch nur dann finden, wenn sie sich auf Gemeinden stützen können, und solche Gemeinden können ja nur ans einem Verein hervorgehen. Auszug aus einem Schrei den d es Herrn Dr St. an Herrn Dr. C. Wir müssen uns sehr hüten, nicht durch seine (Rieffers) Beredsamkeit zur Aufstellung eines Positiven verführt zu werden, was ich nicht blos an und für sich als völlig unstatthaft, gefährlich, ja dem Principe der Gewissensfreiheit geradezu widersprechend ansehen muß, sondern jedenfalls auch als einen Versuch betrachte, das Haus von Oben herab zu bauen. Ein solches Positives muß eine in der Zukunft reifende Frucht sein, während wir erst eine Saar säen wollen» Suchen wir uns daher erst über das zu Negirmde zu vereinigen. — Tempel und neue englische Synagoge sind keine gesunde Geburten, sondern wahre Abortus eines erwachten Dranges nach Reform. Auszug aus ei ne m Schreiben des Herrn D r. Riesser a n H e r r n O r. C. Daß Sie die Beschneidung (in der Erklärung) gänzlich ignoriren, will mir nach wie vor nicht in den Kopf und bleibt für miä) ein starker Stein des Anstoßes. Dieser Punkt ist für mich das wahre Hie Rhodas, hie saita bei der ganzen Sache. Das Prineip der Freiheit soll vor allem da geltend gemacht werden, wo Zwang geübt wird, das kann ich mir nicht ausreden lasten. Zwang wird aber nicht geübt zu Gunsten des Talmuds, nicht zu Gunsten des Messias-Glaubens, wohl aber zu Gunsten der Beschneidnng; darum thut hier Hilfe noth. Halten Sie es nicht für angemessen, die Ceremonie für die der „Erklärung" Beitretenden geradezu für abgeschafft zu erklären, so kann ich mich darin finden, nur sprechen Sie deutlich aus, daß hier ein fauler Fleck sitzt, den Sie zu tilgen bemüht sind. Es ist ja ganz klar, daß hier

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