Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1843)
- Article
- Frankfurt a. M.: Jüd. Reformation ...
- Date
- 1843-08-29
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
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275 msses ausgesprochen, wo sind die Gutachten und die Motive, welche durch dieser Verein seine neuen Lehrsätze begründet? Es ist wahr, noch ist von dem allem Nichts erschienen; weder ein Manifest, worin die Erklärung des Vereins in bestimmten Sätzen sich ausgesprochen, noch eine weitschichtige Begründung des neuen Juden thums ist bis jetzt zur Oeffentlichkeit gekommen, aber an allen diesen Sachen wird gearbeitet und sie waren vielleicht schon veröffentlicht, wenn nicht die vorlaute Journalistik die Leiter dieses Vereins etwas stutzig gemacht. Or. G Rieß ec ln Hamburg, der unter den Begründern des Vereins genannt wurde, beklagt sich in einer Erklärung vom 1. Aug., der er die größtmöglichste Verbreitung gegeben, sehr bitter darüber, daß unberufene Korrespondenten sich bestrebt haben, diesen Verein noch vor seinem Auftreten in den Augen des Publikums moralisch zu verdächtigen und zu Grunde zu richten. Der Verein ist noch aus dem Kreise der Diskussion nicht herausgetreten; Keiner-der Mitglieder hat bis jetzt daran gedacht, daß ein solcher Verein, um ein selbstständiges Lebenszeichen von sich zu geben und nicht Schwätzern freie Bahn im Voraus zu lassen, sich auch social als Verein konstituiren muffe, mit einer Persönlichkeit an der Spitze, und dieser Mangel, der die Erklärung des Dr. Rießec hecvorgerufen, den aber nur der Verein in seiner Gesammtheit und kein einzelnes Mitglied verschuldet, ist sogar jetzt noch nicht gehoben. Das einzige Aktenstück, das bis jetzt in dieser Angelegenheit erschienen, und das offenbar nicht von dem Vereine ausgegangen, ist wie ein fliegendes Blatt in die Welt getreten, alle Spuren der Flüchtigkeit an sich tragend und weder von dem Vereine in seiner Gesammtheit, noch von einem Mitglieds desselben unterzeichnet worden. Mit Recht fragen die Gleichgesinnten im übrigen Deutschland, gleichviel ob sie faktisch schon beigetreten oder nicht, woher diese Feigheit, diese Mutlosigkeit in einer so bedeutsamen Angelegenheit und dies bei Männern, welche gewohnt sind, mit allem Freimuthe öffentlich aufzutreten? Wahrscheinlich wird sich dieses Rathsel binnen Kurzem lösen, vorzüglich bfl sogar das bedeutende Mitglied deffelben, Dr. Rießer, über dieses Schweigen erstaunt und entrüstet ist; bis dahin möge das einzig vorhandene, als Manuskript gedruckte Aktenstück, um das Publikum in die Tendenz des Vereins einzusühcen, hier in seiner Ausdehnung folgen. Der Orthodoxe möge aus diesem Aktenstücke ersehen, was er zu wahren und zu schirmen habe, welche Gotteskämpfer er auf den Kampfplatz zu bescheiden hat, und wie solche ausgerüstet sein müssen; denn obgleich der Verein, in einer öffentlichen Erklärung im F. I. dieses Aktenstück desavouirt, so wird doch die Tendenz des Vereins nur da hinauslausen. Hier das erwähnte Aktenstück, da an eine Bekämpfung vorläuftg, so lange der Verein nicht ehrlich und ganz auftritt, nicht zu denken ist. Frankfurt a. M., im Juli 1843. „Erklärung. I. Wir erkennen im Mosaisrnus die Möglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung. II. Die mit dem Talmud bezeichnete Sammlung, so wie alle auf dieselbe sich stützenden rabbinischen Schriften und Satznngen haben für uns weder in dogmatischer noch in praktischer Hinsicht irgend eine Verbindlichkeit. III. Ein Messias, der die Israeliten nach dem Lande Palästina zurückführe, wird von uns weder erwartet noch gewünscht; wir kennen kein Vaterland, als das, dem wir durch Geburt und bürgerliches Verha'ltm'ß angehören. Die beitretenden Mitglieder des Reform-Vereins haben diese Erklärung zu unterzeichnen. Auszug aus d e m Memoire des Herrn D r. Stern in G öt tin g en an Herrn Dr. Rießer, als Entgegnung auf beffeu Memoir e, und neue B egründung der Zwecke des Vereins. Wenn ich mich frage, was mich verpflichtet, für das Iudenthum und dessen Verbesserung zu wirken, so muß ich mir sagen, daß dies keineswegs in einer religiösen Gesmnungsverwandschaft mit der großen Menge seiner Bekenner liegt, da ich seit langer Zeit eben so entfernt von ihm bin, als vom Christenthum. Ich kann nid)t einmal, wie du und andere sagen, daß ich durch den Glauben an einen reinen Monotheismus mit demselben zusammenhänge. Was mich an das Iudenthum fesselt, und mir seine Bekenner näher stellt, als andere, ist das reine Pflichtgefühl der Pietät. Ich fürchte, daß der Theil des Volks, welchem die Intelligenz und die Kraft fehlt selbstständig fortzuschreiten, sich aus Verzweiflung wieder an den abgestorbenen alten Glauben klammern, die Leiche des positiven Iudenlhums, für deren Ausschmückung durch Reden, Konfirmationen, Choralgesang, mystisch philosophische Deutungen, und wie die Maskeraden sonst, heißen, unsere Theologen bereits allenthalben bemüht sind, für ein lebendiges halten und so auf Jahrhunderte wieder von den religiösen Fortschritten abkommen wird, die im christlichen Europa sich unaufhaltsam entwickeln. Ich fürchte, daß der intelligentere Theil den Lockungen des Christenthums aus die Dauer nicht wird widerstehen können, des Christenthums, das dem Gewissen einen so weiten Spielraum läßt und zu dem die Indifferenz christlicher Priester den Uebergang so leicht gemacht hat, daß man in den Bahnhof des Iudenthums ein, und in dem gera'umigern des Christerlthums aussteigt, ohne nur zu merken, daß man seinen Ort verändert hat. Ich halte es für unsere Pflicht hier einzuschreiten; ich halte es für Pflicht, in den alten Schutt eine möglich breite und hohe Bresche zu schießen, durch welche die Luft geistiger Frische, wie sie seit Spinoza in immer weiteren Kreisen durch das Christenthum zieht, endlich in das Indent hum eindringen könne. Das ist mir die Seele der Reformbestrebungen, zu der sich alle übrigen Gründe nur wie die körperliche Hülle verhalten. Der Endpunkt der Reform ist mir klar, es ist die 35 *