Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 4 (1843)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1843)
- Article
- Frankfurt a. M.: Jüd. Reformation ...
- Date
- 1843-08-29
- Page
- Seite 274 (sequence 2)
- Language
- German
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274 ich spreche hier nicht im Sinne einer Meinung oder Partei, denn in diesem Falle würde ich schon wegen der Ungründlichkeit und Taktlosigkeit des Vereins ihm entgegentreten, sondern nach einer historischen Anschauung der jüdischen Entwickelung — herbeigeführt, nachdem vor 60 Jahren der jüdische Philosoph Mendelssohn den Samen ausgestreut. Seit einem halben Jahrhundert haben die Reform-Kampfe im Judenthum nicht aufgehört; das jüdische Sanhedrin unter Napoleon und das westfälische jüdische Konsistorinm unter Hieronymus haben gegen die Autorität des Talmud, wenn auch nicht mit solcher Entschiedenheit wie jetzt, gekämpft, und Israel Jacobson hat vor 25 Jahren in der Reform des Kultus bereits auf die Konsequenz einer jüdischen Reformation hingewiesen. In dem letzten Vierteljahrhundert wiederholten sich die Kämpfe bei den geringfügigsten Veranlassungen mit einer solchen Leidenschaftlichkeit und Hitze, daß man ohne große Sehergabe die jetzt sich entwickelnde Spaltung Voraussagen konnte. Or. M. Creizenach, der Vater des bei der jetzt entstehenden Sekte oft genannten Dr. Theodor Creizenach, gründete bereits vor 24 Jahren zu Mainz eine Zeitschrift, genannt „die pharisäische Lehre", worin er eine jüdische Reformation aus dem Rabbinismus heraus bewirken wollte; dieses -kühne, obgleich vergebliche Streben hatte bei jungen Rabbinern und im Volke selbst eine breite Unterlage gefunden, obgleich es an Kämpfern für das alte unveränderliche Judenthum nicht gefehlt. An die Spitze der orthodoxen Partei trat Dtt Hirsch, jetzt Rabbiner in Emden, so wie früher gegen Jacobson das Hamburger Rabbinat, und obgleich die Masse von Streitschriften fast zu einer ansehnlichen Bibliothek herangeschwollen und seit Mendelssohn noch nicht zu erscheinen aufgehört, so war es doch die Reform-Partei, die zuletzt den Kampfplatz behauptete. Diese Erscheinung ist "thatfächlich, obgleich darin noch gar nicht der Beweis liegt, daß die konservative Partei allen Boden der Kritik und der Gültigkeit verloren. Der Fehler der Orthodoxie bestand bis jetzt eben großentheils nur darin, daß sie die Wissenschaft, s ja sogar das Wort verschmähte und taktlos genug war, der ungestümen Macht der Reform keine Kämpfer entgegenzustellen. Die Orthodoxie hatte seit Mendelssohn, unglückfeligerweise, nie das Wort und die Sprache, aber im Worte liegt das Leben und stumm nur ist der Tod; der Lebende, sagt das Sprichwort, hat immer Recht. Man blicke unbefangen in den Gemeinden zu Breslau, Berlin, Hamburg u. ft w. um sich, und man wird finden, daß die Orthodoxie, leider! hohl und leer, daß bereits der Tod sie in seinen Armen wiegt und das eigentliche Leben nur bei den Reformirten ist. Und doch fühlt der Tieferblickende, daß es nicht so zu sein brauchte! Doch ich kehre zu meinem Thema zurück. In der Neuzeit wurde dieser Kampf bei sehr geringen Veranlassungen von Neuem mit großer Leidenschaftlichkeit eröffnet; im Jahre 1841 gab ein Gebetbuch der reformirten Gemeinde zu Hamburg die Veranlassung dazu, welcher Kampf sich aber nicht blos über Deutschland, sondern auch über England erstreckte, und ein gleicher Kampf, wenn auch aus andern Ursachen, entspann sich mit großer Heftigkeit in Breslau. Bei dem Hamburger Streite entschieden sich die Rabbiner in ihren gedruckten Gutachten für eine Reform, und in Breslau, wo die Streitfrage sich zuletzt auf den einen Punkt koncentrirte: „Kann die freie Forschung mit dem Rabbineramte sich vertragen", haben bereits siebzehn Rabbiner Deutschlands ihre Gutachten (Breslau, 1843. 8. bei. Leuckart) zu Gunsten der Reform abgegeben. So stehen jetzt die Angelegenheiten d'er jüdischen Reformation in Deutschland; alle Rabbinerstellen sind mit Männern des Fortschritts und der Reform-Partei besetzt undsogar in dem Großherzogthum Posen, wo wegen der Nähe Polens die Reform keinen Boden gewinnen konnte, hat gegenwärtig der moderne Rabbinismus gesiegt; denn die stabile Partei des Judenthums in Deutschland hat keinen Wortführer mehr. Aber was hat die Orthodoxie errungen? Ich weiß es nicht. Aber nicht nur in Deuschland, sondern auch in England und Frankreich, Holland und Belgien, Nordamerika und in den englischen Kolonien hat die Reform-Partei die Oberhand und das Wort. Die reformirte West-Synagoge in London blüht, während die orthodoxe verwaist ohne Oberhaupt dahinfiecht; in Frankreich hat der lange Kampf gegen das stabile Konsistorium alle Wirksamkeit der Orthodoxie vernichtet, und in den andern erwähnten Landern war der orthodoxe Widerstand überhaupt zu unbedeutend, als daß die Reform-Partei große Anstrengungen zu machen nöthig hatte. Nach dieser historischen Vorausschickung wird wohl Jeder begreifen, daß das Auftreten des Frankfurter Reform-Vereins — so nennt er sich selbst und nicht Sekte — keineswegs als unvorbereitet oder unerwartet zu betrachten ist, daß er vielmehr nach der historischen Entwickelung des Judenthnms seit einem halben Jahrhundert, nach der Ueberzeugung, die jetz? die Gemüther der meisten Juden beherrscht, über kurz oder lang auftreten mußte. Freilich hat auch die Orthodoxie eine Geschichte der letzten fünfzig Jahre, auch sie hat gekämpft und gerungen, vielleicht mehr noch als in frühern Jahrhunderten; aber der Kampf war ein defensiver, mit jedem Schritte war ein altes Eigenthum verloren. Wo sind die orthodoxen Rabbiner gehlftben, welche die gläubigen Gemeinden Deutschlands leiteten? Wo sind die Jefchibot hinzukommen, welche der orthodoxen Lehre die Jugend heranbildeten? Wo sind die Lehcschulen hingekommen, in denen das Gesetz Tag und Nacht studirt wurde? Alles ist in diesem Defensivkampf verloren gegangen. Doch ich will jetzt nur berichten. Aber wo ist das Manifest, wird der Leser fragen worin der Reform-Verein die Grundsätze seines reformirten Bekennt-