Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1843
- Issue
- 34 (22.8.1843)
- Article
- Die Beschneidung und ihre Gegner
- Date
- 1843-08-22
- Page
- Spalte 533-534 (sequence 3)
- Language
- German
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534 533 Die Beschneidung und ihre Gegner., davon abwenden würde; er hat sich daher äußerlich auf dem orthodoxen, offenbarungsgläubigen Standpunkte gehalten, aber damit war seiner Kritik der Boden unter den Füßen weggezogen, und er konnte Nichts Vorbringen, als Sophismen, eben gut genug, um in einem politischen Blatte zu siguriren und, wie gesagt, die Ansichten unkundiger Leser wankend zu machen. — Wenden wir uns nunmehr von den wissenschaftlichen Fragen des Vers, zu der Erörterung: was denn die ehrliche, wissenschaftliche Kritik gegen das Mosaischsein der Beschneidung einzuwenden habe, und wie es uns mit unserer Behauptung, daß wir die Kritik nicht zu ignoriren gedachten, Ernst war, so wenden wir uns gleich an einen ihrer jüngsten Koryphäen, an von Bohlen. Derselbe setzt in seinem Kommentar über die Genesis (S. 189 — 209) den Ursprung oder die allgemeine Einführung der Beschneidung in die Zeit-Salomo's. 'Schon Tuch nennt (S. 345.) dies ein vergebliches Bemühen, doch ohne Bohlen's Gründe zu widerlegen; wir machen es uns daher zur Ausgabe, derselben Schritt für Schritt zu folgen und ihre Unhaltburkeit zu zeigen. „Schon Michaelis," (Mos. Recht. B. 4. S. 32 ff.) beginnt v. Bohlen, „kann seine Zweifel an der historischen Auffassung von Genes. 17 nicht unterdrücken, besonders da die Ausführung derselben an so vielen Sklaven an einem Tage Schwierigkeiten hat, und jedes Geschäft auf mindestens acht Tage hätte stocken müssen.^) Das wäre nun freilich eine subtile Untersuchung, wenn wir ausmachen wollten, ob man 318 Sklaven (Gen. 14, 14) an einem Tage beschneiden' könne, oder nicht, auch ist B. 26 und 27 eigentlich' nicht bestimmt gesagt, daß auch sämmtliche Sklaven an demselben Tage beschnitten worden seien, sondern nur daß Abraham an sich und an Ismael den Befehl Gottes noch an demselben Tage vollzog, und mit der Annahme Michaelis, daß die Beschneidung zu Abrahams Zeit wenigstens bei Einzelnen schon bekannt gewesen sei, so daß Abraham sich der Mithilfe Anderer hätte bedienen können, wäre dieser Einwendung vollends zu begegnen. Wenn aber Bohlen einwirft, „jedes Geschäft hätte auf acht Tage stocken müssen," so sollte man ja fast meinen, man hörte einen unserer heurigen Kausleute, die auch die Festtage 10) Bohlen thut hier dem guten Michaelis ein zwiefaches Unrecht; einmal zweifelt derselbe nicht im Mindesten an der historischen Richtigkeit unserer Stelle, sondern will nur beweisen, daß die Beschneidung schon vor Abraham bekannt gewesen sein müsse, und dann läßt er den Hauptbeweis desselben aus, daß-nämlich, wenn die Operation nicht bereits bekannt gewesen wäre, viele verunglückte Versuche hätten gemacht werden müssen, ehe sie gelungen sei. —Was übrigens die Hypothese Michaelis (für die mehre Ausleger den Umstand anführen, daß die Kürze des Ausdrucks „beschneidet euch an euerm Fleische" sonst völlig unverständlich gemacht sein müsse) selbst anlangt, so können wir es füglich auf sich beruhen lassen, ob nicht die Beschneidung schon vor Abraham bei Einzelnen oder selbst bei ganzen Stämmen bekannt gewesen sei. Die Bibel nimmt für dir Beschneidung ebensowenig Priorität in Anspruch wie .'fr B. für die Opfer. nicht feiern zu können behaupten, weil „ihre Geschäfte dadurchms Stocken gerathen würden." Sollten denn die „Geschäfte Abrahams" wohl der Art gewesen sein, daß sie nicht auf acht Tage suspendirt oder von Weibern hätten versehen werden können, und sollte sich ein Mann, „der seinen Sohn, fernen Einzigen, dem Herrn nicht verweigerte", sich durch so kleinliche Rücksichten wohl haben abhalten lassen,- zu thun was er für recht hielt? —Weiter bemerkt v. Bohlen: Setzen wir einstweilen die Abfassung der Genesis, gegen ihre eigenen Zeugnisse, auch noch so hoch hinauf, so mußte der Ursprung der Beschneidung von Abraham her ein traditionelles Faktum sein." Uns scheint Nichts glaublicher, als daß der Ursprung eines Gebrauches, der beständig in Anwendung blieb, sich im Gedächtniß des Volkes erhielt. Ebensowenig können wir mit Bohlen die Erzählung mythisch finden, denn daß die Einführung der Beschneidung auf einen Mann zurückgesührt wird, ist doch, wie wir noch weiter ausführen werden, augenscheinlich richtig, und daß dieser Mann nicht Abraham gewesen sein könne, hat Bohlen nicht darthun können, denn wenn auch die Beschmidung egyptischen Ursprungs sein soll, so war ja auch Abraham (laut Gen. 10, 12 rc.) in Egypten. Der Hauptpunkt der Bohlen'schen Argumentation ist jedoch der, daß die Beschneidung kein Zeichen israelitischer Weihe sein könne, weil sie auch bei anderen Völkern vorkomme, und daß sie nur unter solchen Völkern, bei denen das Zeugungsglied als heiliges Symbol betrachtet wurde, eine feste Begründung erhalten konnte. Mithin, schließt er, konnte sie auch bei den Israeliten durchaus nicht ursprünglich sein, sie können sie erst von den Aegyptern gelernt haben, und nur -eine vollständig organisirte Priesterkaste hat sie einführen können. Was hier die Beschneidung anderer Völker und ihr Verhältniß zur israelitischen anbetrifft, so werden wir davon spater handelnden 'Schwierigkeiten aber, die sich der Einführung einer so schmerzhaften Operation bei einem Volke entgegen stellen, entgehen wir augenscheinlich am Leichtesten, wenn wir uns an die Erzählung der Bibel selbst halten, und sie dem Stammvater der Israeliten zuschreiben "), was keinem Gesetzgeber, keinem Feldherrn, keiner Priesterkaste möglich gewesen sein würde, konnte ein Patriarch bei seiner Familie leicht durchsetzen. Somit fällt nun die Behauptung Bohlen's, daß die Beschneidung erst in der Zeit des vollständig organisirten Prkesterthums und der erneuerten Bekanntschaft mit Egypten, also zu Salomos Zeit eingesührt sein könne, von selbst, zumal da bei einer solchen Annahme direkte Zeugnisse über das Vorhandensein der Beschneidung in früherer Zeit (vgl. Richter 14, 3; „15, 19. 1 Sam. 14, 6; 31, 4 und besonders 18, 25) verworfen werden müssen, was mit der unbegründeten Behauptung Bohlen's, daß der ganze Zeitraum bis lange über Salomo hinaus (!) 11) Daß dabei für die Behauptung Tuchs: die Beschneidung habe erst durch Moses ihre religiös-politische Bedeutung erhalten, und sei zunächst als mosaisches Institut, zu betrachten, noch Raum bleibe, ist von selbst deutlich. 34 *